Das Gesundheitswesen steht vor grossen Herausforderungen. Die Gesellschaft überaltert immer mehr, und der Mangel an Pflegefachpersonal wird grösser. Deshalb ist es unumgänglich, dass alte Menschen künftig so lange wie möglich zuhause wohnen. Im Medizininformatik-Labor der BFH wollen Forschende und Studierende herausfinden, wie die Pflege der Zukunft aussieht und welchen Beitrag die Informatik leisten kann.
Elisabeth Brönnimann beim Gang in die Apotheke.
Elisabeth Brönnimann beim Gang in die Apotheke des «Living Labs». Bild: Anna-Lena Holm

Das sogenannte «Living Lab» in Biel ist eine im deutschsprachigen Raum einzigartige Laborlandschaft, welche alle wesentlichen Komponenten des Gesundheitswesens abbildet: ein Spital mit Operationssaal und Intensivstation, eine Physiotherapie, eine Hausarztpraxis, eine Apotheke und telemedizinische Dienstleistungen. Auch das Management im Gesundheitswesen und Warenflüsse werden in den Laborräumlichkeiten visualisiert. Im Mittelpunkt steht allerdings das fiktive Ehepaar Brönnimann und seine aufgerüstete Alterswohnung, welche authentisch mit Agatha Christie-Büchern, Blumen im Regal und einer Hauskatze eingerichtet ist. «Damit wollen wir das Einfühlungsvermögen der Studierenden fördern», sagt Michael Lehmann, Professor für Medizininformatik und Mitgründer des Labors. «Es geht nicht darum, dass unsere Studierenden hochtechnische Innovationen erfinden, sondern dass sie die Bedürfnisse von Elisabeth und Kurt Brönnimann verstehen und entsprechend Lösungen für den Alltag von echten Menschen entwickeln». Die beiden gibt es wirklich, es sind Laienschauspieler aus Biel, beide über 80 Jahre alt, die in Wahrheit anders heissen. Die zwei Senioren haben im «Living Lab» eine fiktive Krankheitsgeschichte erhalten.

Der Boden, der fühlen kann

Elisabeth Brönnimann in ihrer Alterswohnung im Living Lab
Elisabeth Brönnimann in ihrer authentisch eingerichteten Alterswohnung im «Living Lab». Bild: Anna-Lena Holm

«Nehmen wir zum Beispiel eine Hüftoperation von Elisabeth Brönnimann», sagt Lehmann. «Wie kann die Digitalisierung helfen, dass die über 80-jährige Elisabeth nach ihrer Operation schneller wieder zurück nach Hause zu ihrem Mann gehen kann, der an leichter Demenz leidet?» Lehmann tüftelt hierfür mit seinen mittlerweile 40 Studierenden pro Jahrgang an einigen technischen Tricks: Der Boden in Brönnimanns Alterswohnung wurde mit Sensoren ausgestattet, die auf Bewegung reagieren. Wenn Frau Brönnimann fällt und nicht mehr aufstehen kann, wird auf dem Telefon eines Angehörigen oder bei der Spitex ein Alarm ausgelöst.

Auch der Kleiderschrank im Schlafzimmer von Brönnimanns besitzt ein paar ausserordentliche Fähigkeiten. Jedes Kleidungsstück ist mit einem Chip im Etikett versehen. So weiss das System, welche Kleider im Schrank wo liegen. Das System wird ausserdem mit meteorologischen Daten versehen und kann Herrn Brönnimann wettergerechte Kleider zu Auswahl vorschlagen. Wenn der Wäschekorb voll ist, löst dies beim zuständigen Wäschedienst eine Meldung aus.

Es kommt vor, dass Frau Brönnimann ihre Medikamente in verschiedenen Apotheken holt. Die Apotheker wissen in diesem Fall nicht, was sie alles einnehmen muss, und können Wechselwirkungen zwischen Medikamenten nicht vermeiden. Darum tüfteln die Studierenden der Medizininformatik an Lösungen, die den Patienten selber, aber auch den Apothekern und Ärzten einen Überblick über alle Medikamente eines Patienten geben, ohne dabei den Datenschutz zu verletzen.

Damit Frau Brönnimann selber immer ihre komplette Medikamentenliste beisammen hat und weiss, welches Medikament sie wann und in welcher Dosierung einnehmen muss, haben die Studierenden «eMMA – die elektronische Medikationsmanagement-Assistentin» entwickelt. Diese Smartphone-App kann die Medikamente aus dem eMediplan oder dem zukünftigen elektronischen Patientendossier übernehmen. Das Besondere an «eMMA» ist, dass sie mit Frau Brönnimann chattet und nachfragt, ob sie ihre Medikamente genommen hat. Auch bei Fragen zu einem Medikament kann Frau Brönnimann mittels der Chat-Funktion mit eMMA kommunizieren. «Senioren kennen SMS und Whats-App und können eMMA deshalb sofort bedienen», freut sich Lehmann.

Realitäten sichtbar machen

Eine Laienschauspielerin stellt sich den Studierenden als Patientin zur Verfügung
Die Laienschauspielerin aus Biel alias Elisabeth Brönnimann stellt sich den Studierenden gerne als Patientin zur Verfügung. Bild: Anna-Lena Holm

Lehmann ist begeistert, mit wieviel Elan seine Studierenden bei der Sache sind. Er erinnert sich an seine eigenen Erfahrungen als Arzt: «Ich arbeitete im Spital, als noch Schreibmaschinen für die Erfassung von Patientendaten verwendet wurden. Es war jeweils sehr aufwändig, die Patientenberichte für den Schichtwechsel am Wochenende vorzubereiten». In seiner Freizeit entwickelte Lehmann deshalb kurzerhand für sich ein Tool, um diesen Arbeitsprozess zu vereinfachen. «Ich konnte am Freitagabend dann jeweils eine Stunde vor den anderen Ärzten Feierabend machen».

Heute ist er froh, als Dozent für Medizininformatik an der Berner Fachhochschule zu arbeiten. Gemeinsam mit dem Medizinformatik-Team um Jürgen Holm, Leiter der Abteilung, entwickelt er das «Living Lab» weiter. Momentan sind das Badezimmer und die Küche von Brönnimanns in Konstruktion. «Natürlich kann unser «Living Lab» nicht alle Situationen real abbilden. Aber es hilft, unsere Studierenden ins Thema einzustimmen». Diese kommen aus verschiedenen Bereichen in die Medizininformatik. Deshalb ist es wichtig, dass jeder einmal in einem Operationssaal gestanden hat und sich beispielsweise in der Situation wiederfindet, dass er Röntgenbilder austauschen möchte, aber seine Hände gerade voll Blut sind. Als Lösungen bieten sich in diesem Fall beispielsweise mit Füssen gesteuerte Pedale oder Sensoren an, die Handbewegungen in der Luft zur Steuerung des Computers weitergeben. «Es ist wichtig, dass unsere Studierenden ihre Ideen in der Praxis testen können. Nur so können wir Produkte entwickeln, welche die betroffenen Akteure effizient unterstützen», betont Lehmann.

Hereinspaziert!

Michael Lehmann im Operationssaal des Living Labs
Der Operationssaal des «Living Labs» ist Michael Lehmanns zweites Zuhause. Hier werden den Studierenden wichtige Apparaturen und Systeme für Operationen vermittelt. Bild: Corina Lardelli

Das Medizininformatik-Team an der BFH arbeitet mit zahlreichen Partnern aus der Industrie und der Praxis zusammen, um aktuelle und zukünftige Bedürfnisse im Gesundheitswesen zu erkennen. Einmal im Jahr geht Lehmann mit den Studierenden an die Fachmesse DMEA – Connecting digital Health (früher «conhIT»), Europas grösstes Event der Gesundheits-IT-Branche. Das Fachgebiet hat Potenzial: allein in der Schweiz fehlen derzeit rund 500 bis 2000 Arbeitskräfte im Bereich Medizininformatik. «Unsere grösste Herausforderung besteht darin, schweizweit Studierende für den Studiengang zu begeistern. Oft können sich Schülerinnen und Schüler unter Medizininformatik nichts Konkretes vorstellen». Lehmann empfängt deshalb interessierte Personen gerne im Living Lab der BFH. «Wenn die Leute unsere Laborräumlichkeiten besichtigen und schliesslich verschmitzt die Klingel zur Alterswohnung der Brönnimanns ausprobieren, weiss ich, dass sie in unsere Welt eingetaucht sind und begriffen haben, worum es geht».

Mit dem «Living Lab» ist es Jürgen Holm und Michael Lehmann nicht nur gelungen, die Prozesse des Gesundheitswesens abzubilden, sondern auch Mitgefühl zu wecken. Dies beweisen die zahlreichen Postkarten aus aller Welt am Kühlschrank in Brönnimanns Küche. Es sind Postkarten der Studierenden des Studiengangs Medizininformatik an Elisabeth und Kurt Brönnimann.

Weitere Informationen

Weiterführende Informationen zum Living Lab
Weitere Informationen zum Institut für Medizininformatik

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