Der Begriff Smart City lässt bei vielen Bilder einer Stadt mit selbstfahrenden Autos und einer intelligenten Infrastruktur entstehen, die Pendlerinnen und Pendler über Unfälle, Verkehrsüberlastung und Zugsausfälle informiert. Die intelligente Stadt der Zukunft soll effizienter und umweltfreundlicher sein – und stets die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellen.
Symbolbild einer vernetzten Stadt

Euresearch Office BFH

Euresearch ist das schweizerische Informationsnetzwerk für europäische Forschungs- und Innovationsprogramme. Es fördert die schweizerische Beteiligung an internationalen Forschungsprojekten und -programmen. Das Team des Euresearch Office BFH bietet interessierten Forschenden und Firmen Informationen und praktische Beratung zu diesen Programmen und unterstützt sie bei der Suche nach transnationalen Partnerschaften. «Das ist sehr hilfreich, gerade für Leute, die wenig Erfahrung haben», betont Stephan Haller. Er selbst nehme die Unterstützung bei der Suche nach möglichen Projektpartnern gern in Anspruch, insbesondere wenn es um einen Bereich gehe, wo er kein grosses Netzwerk habe. «Für mich ist ausserdem die Unterstützung beim Screening von Calls für internationale Forschungsprojekte hilfreich», betont Haller. Es gebe viele Calls und es sei wertvoll, einen Hinweis auf Projekte oder Themen zu erhalten, die für ihn relevant sein könnten. «So kommt man manchmal zu einem Konsortium», erklärt Haller.

Die Intranetseite des Euresearch Offices BFH wurde überarbeitet und bietet neu für jeden Schritt zu einem EU-Projekt die passenden Informationen.

«Konkret geht es darum, die Technologie so zu nutzen, dass sie die Lebensqualität der Menschen in der Stadt verbessert», fasst Stephan Haller, Dozent am Institut Public Sector Transformation IPST, zusammen. Er leitete das internationale Forschungsprojekt «City Platform as a Service – Integrated and Open» oder kurz «CPaaS.io». Das Hauptziel des Projekts: Entwickeln einer technischen Grundlage, um eben solche Zukunftsvisionen zu ermöglichen.

Entstanden ist eine Plattform, an die Sensoren Daten liefern wie zum Beispiel wie viele Personen in einen Bus steigen, wie viel Regen fällt oder wie viele freie Parkplätze in der Nähe des Fussballstadions verfügbar sind. Die Daten werden auf der Plattform sauber abgelegt und beispielsweise einem Unternehmen zur Verfügung gestellt. Etwa um eine Parking-App fürs Handy zu entwickeln, die Fussballfans direkt zu einem freien Parkplatz leitet.

Im internationalen Forschungsprojekt CPaaS.io waren die europäischen Städte Amsterdam, Murcia und Zürich sowie die japanischen Städte Tokyo, Yokosuka und Sapporo involviert. Aufbauend auf der gemeinsamen Datenplattform entwickelten die Städte ihren Bedürfnissen entsprechende Anwendungen. «In Amsterdam wurde eine Art sensorgesteuertes Wasserreservoir in Hausdächer eingebaut», erzählt Haller. Sage die Wetterprognose starken Regen voraus, schliesse sich das Ventil. Das Wasser bleibe im Dach und werde erst abgelassen, wenn die Kanalisation wieder aufnahmefähig sei.

Kulturelle Unterschiede

Das internationale Projektteam «City Platform as a Service»
Das internationale Projektteam «City Platform as a Service» mit Stephan Haller (5. Von links) sowie Projektpartnern aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden, Spanien und Japan. Bild: «Projekt CPaaS.io»

Ein internationales Projekt ermögliche den Wissens- und Erfahrungsaustausch über mehrere Partner hinweg und das konkrete Umsetzen von Pilotprojekten in den involvierten Städten. Trotz technischer Unterschiede habe man gut zusammenarbeiten können, betont Haller. Kulturelle Unterschiede hätten sich etwa beim Thema Datenschutz oder in der Zusammenarbeit innerhalb des Projektteams gezeigt. In Europa seien die Leute gewohnt, direkt miteinander zu sprechen. Japan lege mehr Wert auf Hierarchien, weshalb der Austausch oft über Führungspersonen erfolgte. Sprachschwierigkeiten konnte Haller dank seiner Japanischkenntnisse überbrücken helfen. «Es ist eine gute Erfahrung, in solchen Projekten mitzuarbeiten. Man lernt, sich wieder einmal zu hinterfragen», erklärt Haller und ergänzt: «Wenn man will, dass ein Thema international Verbreitung findet, muss man es auch international angehen.»

Projektkoordination und Forschung an der BFH

Das Projekt wurde über das EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon2020 gefördert, wobei die BFH die Koordination des Gesamtprojekts übernahm. In der Forschung konzentrierte sich die BFH auf die Bereiche Data Governance, Linked Open Data und Datenqualität. «Wir haben ein System entwickelt, wie die Qualität von Daten beschrieben werden kann. Und zwar so, dass die Daten maschinell verarbeitet werden können», erklärt Haller. Dabei geht es um Angaben wie: Wann wurde der Sensor zuletzt gewartet? Wie aktuell und genau sind die Daten? So können Städte und Unternehmen beurteilen, ob die Datenqualität ihren Ansprüchen für den Aufbau einer bestimmten Lösung genügt. Die Steuerung eines dynamischen Werbeplakats verzeiht einen Fehler, diejenige einer Ampel hingegen nicht.

Das Projekt wurde im Dezember 2018 abgeschlossen. Seither konzentriere sich die BFH auf die Themen Smart-City-Strategie und deren Monitoring. Haller und sein Team erarbeiten unter anderem Grundlagen dazu, wie insbesondere kleinere und mittlere Gemeinden digitale Werkzeuge für die Umsetzung von Smart-Government-Strategien und intelligenten Führungsprozessen nutzen können, um dadurch transparenter zu agieren und einen höheren öffentlichen Mehrwert zu realisieren.

Smart City ist ein interdisziplinärer Forschungsbereich

Der Lebenslauf von Stephan Haller auf Englisch und Japanisch
Im Rahmen des Projekts war Stephan Haller eingeladen, an der Faculty of Information Networking for Innovation and Design der Tokyo-Universität drei Vorlesungen zu halten. Sein Lebenslauf wurde auf Englisch und Japanisch publiziert. Bild: zvg

«Smart City ist nicht nur ein Thema für Informatiker oder Wirtschaftsfachleute», hält Haller fest. Es sei essenziell, dass verschiedene Ansätze zusammenkämen. Es brauche Leute, die etwas von Energie verstehen und solche, die mit Sensoren umgehen können. «Und es braucht Sozialwissenschaftler, die sicherstellen, dass die Einwohnerinnen und Einwohner involviert werden», betont Haller. Das könne über Informationsveranstaltungen, die Mitarbeit in Fokusgruppen von Organisationen (wie die Pro Senectute) oder über partizipative Bürgerplattformen geschehen. Oft sei ein Pilotprojekt ein sinnvoller erster Schritt, um schnell einen Nutzen aufzuzeigen und positive Erfahrungen zu realisieren.

Chancen und Risiken der Smart City

«Die Smart City soll die Lebensqualität der Einwohnerinnen und Einwohner steigern und einen öffentlichen Mehrwert generieren», erklärt Haller. Dies auch indirekt durch Fortschritt bei Energie, Umwelt und Luftqualität. Natürlich profitiere auch die Stadt von zufriedenen Bürgerinnen und Bürgern und von ihrer Attraktivität für Unternehmen. Und die Wirtschaft profitiere vom Verkauf ihrer Technologien. Aber es gebe auch Risiken, wie Haller sagt: «Datenschutz ist ein grosses Thema. Es muss klar geregelt sein, wer die Hoheit über die gesammelten Daten hat.» Jede Person müsse selbst bestimmen können, was mit ihren Daten passiere. «Denn», so Haller, «vielleicht bin ich bereit, meine Daten mit der Gesundheitsforschung zu teilen, aber nicht mit meiner Lebensversicherung.» Es gebe Open-Source-Plattformen, wie sie im Projekt entwickelt wurde oder solche von grossen Anbietern wie SAP, Microsoft oder Google. Eine Open-Source-Plattform erfordere anfangs zwar mehr Arbeit, aber die Datenhoheit könne von der Stadt definiert werden. Der Entscheid über die Wahl der Plattform liegt für Haller klar bei der Stadt, «aber die Städte sollten unbedingt an das Thema Datenhoheit denken.»

Wie sieht die Zukunft der Smart City aus?

Prognosen will Stephan Haller keine wagen: «Ich hätte zum Beispiel vor zehn Jahren nie gedacht, dass wir heute schon über selbstfahrende Autos sprechen, die tatsächlich herumfahren», begründet er seine Zurückhaltung. Ideen gebe es viele. Was davon sinnvoll sei und was nicht, sei eine politische Frage. Für Haller ist der Einbezug der Bevölkerung das Wichtigste: «Die Technologie soll den Menschen dienen, ihre Probleme lösen und ihre Lebensqualität verbessern. Die Kontrolle soll beim Menschen bleiben und nicht beim System sein. Und das Leben in der Smart City soll einfacher und ökologischer sein.»

Weiterführende Informationen

Projektseite CPaaS
Smart City Hub
Website Staatsekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI: Horizon 2020

Dieser Beitrag gefällt mir

6+

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Please enter your comment!
Ich habe die Kommentar-Regeln gelesen und bin damit einverstanden.
Please enter your name here