Ein Sabbatical verspricht viel – aus der Alltagsroutine ausbrechen, eine kreative Auszeit einlegen, neue Energie tanken. Peter Berger nutzte die Zeit für einen Arbeitseinsatz in einem Londoner Café für Heimatlose und schrieb sein Buch fertig – jedenfalls beinahe.
Peter Berger

Peter Berger ist Dozent für Entwurf und Konstruktion an der BFH-AHB mit einem Pensum von 50 bis 60 Prozent. Etwa im gleichen Pensum ist er als Architekt und Partner beim Architekturbüro theo hotz partner in Zürich engagiert, das aktuell den Umbau des Bahnhofs Bern verantwortet.

Sabbatical – zwei Erfahrungsberichte einer kreativen Auszeit

Sabbatical – schon allein der Begriff klingt vielversprechend. Amerikanische Professoren prägten diesen basierend auf dem hebräischen «šabat», was übersetzt «innehalten oder mit etwas aufhören» bedeutet. Melanie Germann, Dozentin und Studienleiterin an der BFH-S und Peter Berger, Architekt und Dozent an der BFH-AHB erzählen, warum sie innehalten wollten, wie sie die kreative Auszeit genutzt und was sie daraus mitgenommen haben.

Lesen Sie auch den Beitrag zum Sabbatical von Melanie Germann.

Faszination Stahlbau als Auslöser fürs Sabbatical

Das Interesse von Peter Berger galt schon immer dem Stahlbau. Als Spezialist auf diesem Gebiet realisierte er unter anderem die Messehalle 1 in Basel. Es erstaunt daher nicht, dass er anfing, die Geschichte des Schweizer Stahlbaus aufzuarbeiten. Dies mit dem Ziel, ein Buch zu schreiben, das nicht nur Fachleute, sondern auch Laien ansprechen soll. Gut zehn Jahre lang arbeitete er in seiner Freizeit an den Inhalten und bezog im Herbstsemester 2018 schliesslich ein Sabbatical, um das Skript fertigzustellen. Ein Unterfangen, das nicht ganz gelang – dazu später mehr.

Energie tanken in der Millionenmetropole

«The Garden Cafe»
«The Garden Cafe»: Ein Ort für Heimatlose, um sich zu treffen, mit jemandem zu reden oder einfach nur da zu sein. Bild: zvg

Zu Beginn des Sabbaticals arbeitete Berger jeweils an den zwei «BFH-Tagen» am Buchprojekt. Für den Endspurt nahm er auch im Architekturbüro frei und flog für knapp zwei Monate nach London. «Schreiben konnte ich ja überall auf der Welt», sagt Berger lachend. So habe er zwei lang gehegte Wünsche miteinander verbinden können: Einmal in London leben und einmal etwas ganz Anderes tun, mit anderen Menschen zusammenkommen. Neben dem Schreiben wollte er etwas Soziales machen. «Mir geht es sehr gut, deshalb wollte ich etwas zurückgeben», erklärt Berger. Ausserdem ziehe er Energie aus dem Austausch mit Menschen und dem Entdecken von Neuem.

Montags bis freitags arbeitete er von 08.30 bis 16.00 Uhr in einem Café für Menschen, die niemanden haben. Dass er sich gerade für diesen Einsatz als Freiwilliger entschieden hat, «kommt vielleicht daher, dass ich immer gerne eine ‘Beiz’ aufgemacht hätte», sagt Berger lachend. Mit der Zeit sei er vom Tellerwäscher zum Toastmacher aufgestiegen, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu. Wenn er nicht gerade frischen Kaffee aufbrühte oder Rühreier servierte, ging es oft ruhig zu und her im Café. So konnte er sich an einen der Tische setzen und an seinem Buch arbeiten.

Küchenhilfe für Obdachlose

Jeweils am Montagabend wurde er im Westen der Stadt beim Projekt «Wastefood cooking for homeless people» erwartet. Vier bis fünf Freiwillige seien im Einsatz gewesen, um das Essen für rund 100 Menschen vorzubereiten. Das hiess: Gemüse putzen und rüsten, beim Buffet das Essen schöpfen und zum Schluss Geschirr und Töpfe abwaschen – von Hand. Erstaunlich fand Berger, dass die Menschen beim Essen kaum miteinander gesprochen hätten. «Sie haben wohl einfach das Zusammengehörigkeitsgefühl genossen. An einem Ort zu sein, wo sie ein wenig umsorgt werden», vermutet er.

Freude und Trauer nahe zusammen

Kleider- und Essensverteilung
Kleider- und Essensverteilung im Rahmen des Projekts «Wastefood cooking for homeless people». Bild: zvg

«Die Arbeit da war schön, hat mich aber auch sehr mitgenommen», sagt Berger nachdenklich. Besonders nahe ging ihm die Geschichte eines 70-jährigen blinden Mannes, der jede Woche tipptopp gekleidet und mit Krawatte erschienen sei. Eines Tages sei er ganz verändert und schäbig gekleidet zum Essen gekommen, habe sich für sein Aussehen entschuldigt und gesagt, seine Frau sei gestorben. «Ich konnte nichts tun, ausser ihm seinen Teller besonders schön anzurichten», erzählt Berger und fügt hinzu: «Er konnte es zwar nicht sehen, aber sicher hat er es gespürt». In London habe er realisiert, dass «Obdachlos sein» auch gewollt sein könne, dass es eine Lebensform sei. Und er hält fest: «Eins habe ich gelernt. Man soll diese Menschen nicht bedauern. Man soll sie akzeptieren.»

Nochmal von vorne

Amtshaus
Eines der Gebäude in seinem Buch – das Berner Amtshaus. Bild: Balthasar Burkhard

Das Skript für sein Buch beendete Berger wie geplant in London. Zurück in der Schweiz liess er es von einer Fachperson redigieren. Dabei zeigte sich, dass das Skript nicht so aufgebaut war, wie es für ein Buch sein müsste. «Ich hätte wohl besser vorher jemanden gefragt», sagt Berger und lacht. In Kürze soll die Überarbeitung des Skripts abgeschlossen werden, sodass das Buch 2021 erscheinen kann. Es werde nicht alle Highlights des Schweizer Stahlbaus umfassen, aber dafür auch unbekannte Häuser mit einer spannenden Geschichte.

Mitten in die Stadt, mitten ins Leben

Sein Leben an sich habe das Sabbatical nicht verändert, sagt Berger, aber es habe etwas ausgelöst: Den Wunsch, mitten in der Stadt zu wohnen. Deshalb sei er vor rund einem Jahr vom beschaulichen Baden nach Zürich in den Kreis 4 gezogen. «Und ich priorisiere meine Ziele im Leben etwas anders, habe zum Beispiel das Besitztum etwas heruntergefahren» sagt er, was vielleicht aber auch mit dem Alter zu tun habe. «Die Zeit in London hat mir gezeigt, dass man mit wenig zufrieden sein und mit ganz wenig eine grosse Freude machen kann.» Ein Gespräch sei oft alles, was es brauche oder noch wichtiger, so Berger: «Zuhören, auch wenn man nicht alles versteht. Einfach zuhören. Das genügt.»

Forschungs- und Bildungsurlaub

Für Dozierende mit einem Pensum von wenigstens 50 Prozent, einer unbefristeten Anstellung und mindestens sechs vollendeten Dienstjahren besteht die Möglichkeit, einen Forschungs- und Bildungsurlaub zu beantragen.

Mehr Informationen finden Sie im Intranet

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