Ein Sabbatical verspricht viel – aus der Alltagsroutine ausbrechen, eine kreative Auszeit einlegen, neue Energie tanken. Melanie Germann nutzte die Zeit, um zwei Herzensprojekte zu realisieren: eine Reise mit der Familie und die Weiterbildung zur Marte-Meo-Supervisorin.
Melanie Germann

Melanie Germann, Dozentin und Studienleiterin an der BFH-S, trug sich schon länger mit dem Gedanken, einmal aus dem eng getakteten Alltag auszubrechen, mit der ganzen Familie zu reisen und dabei neue Ideen reifen zu lassen. Im April 2019 war es so weit. Vom idyllischen Berner Oberland ging es nach Brasilien.

Sabbatical – zwei Erfahrungsberichte einer kreativen Auszeit

Sabbatical – schon allein der Begriff klingt vielversprechend. Amerikanische Professoren prägten diesen basierend auf dem hebräischen «šabat», was übersetzt «innehalten oder mit etwas aufhören» bedeutet. Melanie Germann, Dozentin und Studienleiterin an der BFH-S und Peter Berger, Architekt und Dozent an der BFH-AHB erzählen, warum sie innehalten wollten, wie sie die kreative Auszeit genutzt und was sie daraus mitgenommen haben.

Lesen Sie auch den Beitrag zum Sabbatical von Peter Berger.

Mit dem Rucksack Brasilien entdecken

Zwei Erwachsene und vier Kinder, das jüngste zwei und das älteste 13 Jahre alt, mit dem Rucksack während sechs Wochen unterwegs in Brasilien. Ausser dem Rückflug war nichts gebucht. «Wir wollten uns auf das Ungewisse einlassen und in den Tag hineinleben», erzählt Germann. Schon nach wenigen Tagen hätten sie ihren natürlichen Rhythmus als Familie gefunden. Ein Tag reisen, dann wieder zwei, drei Tage an einem Ort bleiben. Um den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, war Abwechslung gefragt: vom einfachen Hostel im Regenwald zum schönen Hotel an der Copacabana, vom Ausritt auf dem Pferd zum Krokodile beobachten im Pantanal.

Herausforderung wird zum Highlight

Pantanal
Highlights der Reise – ein Ausritt auf dem Pferd und das erste Krokodil im Pantanal. Bilder: zvg

Das Pantanal, ein riesiges Sumpfgebiet mit Jaguaren, Krokodilen und zahlreichen anderen Tieren. «Bis kurz vorher wussten wir nicht, ob wir uns in diese wahnsinnige Natur begeben wollen, Hunderte Kilometer weg von jeder Zivilisation», beschreibt Germann den herausforderndsten Moment der Reise. Sie entschieden sich dafür, buchten telefonisch Zimmer in einer Lodge. Eine Wegbeschreibung bräuchten sie nicht, hiess es. Die Anreise werde organisiert. «Der Mann am Telefon sagte, wir würden am nächsten Morgen um 5 Uhr vom öffentlichen Bus bei unserem Hotel abgeholt», berichtet Germann. Zweifel machten sich breit. Hatten sie das richtig verstanden? Doch der Bus kam pünktlich. Der Chauffeur sagte, er gebe Bescheid, wann sie aussteigen müssten und fuhr dann zur ersten Haltestelle seiner offiziellen Route. «Vier Stunden waren wir im Bus unterwegs, mussten einfach Vertrauen haben», sagt Germann. Mitten im Nirgendwo, ohne Handyempfang, stiegen sie schliesslich mit einem etwas mulmigen Gefühl aus. Zuerst sei niemand zu sehen gewesen. «Doch plötzlich winkte jemand am Fluss», erzählt Germann. Mit dem Boot ging die Reise weiter zur Lodge. «Schon bei der Ankunft entdeckten wir eine Krokodilmama mit zwölf Babykrokodilen. Und schlussendlich verbrachten wir fünf unvergessliche Tage in der Wildnis», schwärmt Germann.

Fürs Leben lernen

Bootstour
Auf einer Bootstour mit Guide erlebte die Familie die Vielfalt der Natur im Pantanal. Bild: zvg

Erst zuhause habe sie registriert, wie viel ihre Kinder aus Begegnungen und Erlebnissen wie diesen mitnahmen, so Germann. Sie hätten gelernt, darauf zu vertrauen, dass es immer eine Anschlussmöglichkeit gebe. «Sie durften die Hilfsbereitschaft von Menschen erleben, die so viel weniger haben als wir», betont Germann. Eine positive und vertrauensvolle Einstellung zum Leben hätten sie mit nachhause genommen. «Für uns als Familie war es zudem schön, zu merken, dass wir ein super Team sind», erinnert sich Germann.

Weiterbildung zur Marte-Meo-Supervisorin

Marte Meo
Melanie Germann (rechts im Bild) arbeitet bereits seit mehreren Jahren mit der Beratungsmethode Marte Meo. Bild: zvg

Nach der Rückkehr organisierte Germann den zweiten Teil ihres Sabbaticals: die Weiterbildung zur Marte-Meo-Supervisorin. Marte Meo ist eine Beratungsmethode, die auf Videoaufnahmen und deren anschliessender Analyse basiert. Ursprünglich wurde die Methode entwickelt, um pädagogische Fachkräfte zu beraten. Inzwischen findet sie jedoch breitere Anwendung, beispielsweise in der Beratung von Führungskräften oder von Mitarbeitenden in der Pflege. In diesem Zusammenhang wird eine Alltagssituation wie zum Beispiel die Kommunikation im Rahmen einer Teamsitzung oder die Kontaktaufnahme in einer Betreuungssituation mit demenzkranken Menschen auf Video aufgezeichnet. Die Besonderheit der Methode: Die Auswertung konzentriert sich ausschliesslich auf das Positive, auf die Stärken einer Person. Und im folgenden Beratungsgespräch werden ausschliesslich gelungene Sequenzen gezeigt und besprochen. «Du spürst richtig, was das mit der Person neben dir macht», erzählt Germann. In der Pflege von demenzkranken Menschen sei es beispielsweise wichtig, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Mit dem Video könne sie dem Pfleger zeigen: «Siehst du, wie sich dein Lächeln auf dem Gesicht der Patientin spiegelt?» Das im Video zu sehen, sei viel wirkungsvoller, als es in Worten zu beschreiben, sagt Germann mit Begeisterung.

Auf das Gelingende konzentrieren

«Wem von uns hat die Lehrerin oder der Lehrer früher im Diktat alle richtig geschriebenen Wörter angestrichen?», antwortet Germann auf die Frage, warum sie sich für diese Methode entschieden habe. «Wir sind so auf Fehler fokussiert, anstatt in den Vordergrund zu stellen, was jemand schon alles ganz Tolles kann», betont sie. Marte Meo lasse die Menschen in ihre Kraft kommen, baue auf das bereits vorhandene Positive auf. «Dank Marte Meo fokussiere ich auf das Gelingende im Leben», so Germann. Im Mai 2021 schliesst sie die Weiterbildung zur Marte-Meo-Supervisorin ab und kann selbst neue Coachs ausbilden. Davon profitiert auch die BFH, die ab Herbst 2021 als eine der ersten Hochschulen der Schweiz eine Weiterbildung zum Marte-Meo-Coach anbieten wird.

Sabbatical – Raum für Herzensprojekte

Als ein Riesenprivileg bezeichnet Germann ihr Sabbatical. Als Raum, um Herzensprojekte zu verfolgen. So eine Auszeit eröffne neue Perspektiven und Möglichkeiten, die wir im Alltag gar nicht erkennen könnten. Von den Menschen in Brasilien habe sie zwei Dinge gelernt, erzählt Germann: «Erstens, es ist immer genug Zeit für ein Schwätzchen und zweitens, das Zwischenmenschliche ist wichtig.» Auch in einem vollgepackten Tag müsse Zeit sein zu spüren wie es anderen geht. Bei Sitzungen plant sie das gemeinsame Kaffeetrinken deshalb immer in der Mitte, damit sich auch wirklich alle Zeit nehmen für den informellen Austausch. Weil aus ihrem Sabbatical schlussendlich ein Kompensieren von Überzeit wurde, folgt das richtige Sabbatical noch. Welches Herzensprojekt es diesmal wird? Wir dürfen gespannt sein.

Forschungs- und Bildungsurlaub

Für Dozierende mit einem Pensum von wenigstens 50 Prozent, einer unbefristeten Anstellung und mindestens sechs vollendeten Dienstjahren besteht die Möglichkeit, einen Forschungs- und Bildungsurlaub zu beantragen.

Mehr Informationen finden Sie im Intranet.

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