Rébecca Baumann ist Dozentin am Institut New Work. Sie spricht im Interview über das berühmt-berüchtigte Hamsterrad sowie davon, wie wir ihm entrinnen beziehungsweise im Arbeitsalltag neue Energie tanken können.
Rébecca Baumann
Rébecca Baumann ist Dozentin am Institut New Work der BFH. Bild: zvg

Arbeitsbelastung, Zeitdruck, Hamsterrad: Solche und ähnliche Begriffe fallen im Zusammenhang mit unserer heutigen Arbeitswelt oft. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Genau so. Und ich sehe die Tendenz, dass wir immer mehr wollen. Mehr Gewinn, mehr Marge, mehr Effizienz. Ich bin überzeugt, dass wir damit irgendwann an ein Ende kommen müssen. Eines Tages ist eine Zitrone einfach ausgepresst.

Warum gibt es diese Tendenz?
Es gibt Leute, die das Gefühl haben, mehr sei besser. Was dabei oft vergessen geht: Mehr Geld, Status oder Effizienz heisst auch mehr Probleme. Mehr seelische Probleme, mehr Druck, grössere gesellschaftliche Unterschiede. Ich finde das nicht gut und bin der Meinung, dass wir von dieser Haltung wegkommen müssen. Wichtig wäre stattdessen, dass wir mehr auf das psychische Wohl der Mitarbeitenden achten. Dass wir ihnen gute Rahmenbedingungen bieten, damit sie Freude an ihrer Arbeit haben. Dass Mitarbeitende beispielsweise das Vertrauen der Vorgesetzten geniessen und Verantwortung und Handlungsspielraum bekommen. Solche Dinge wirken sich positiv auf die Arbeit aus. Entsprechend wird auch die Qualität der Arbeit besser.

Was können die Mitarbeitenden selbst tun, um dieser Tendenz entgegenzuwirken?
Meinen Studierenden empfehle ich immer, in der Arbeitswelt von Anfang an möglichst keine Überstunden zu machen. Sie sollen lernen, in der zur Verfügung stehenden Zeit ihren Job zu erledigen. Müssen sie permanent Überstunden leisten, sind sie entweder im falschen Job, fachlich überfordert oder man hat ihnen mengenmässig zu viel aufgebürdet. Damit wir uns richtig verstehen: Ich sage nicht, es darf nie Überstunden geben. Aber es soll nicht zur Gewohnheit werden. Denn dann ist etwas falsch am System.

Was kann uns dabei helfen, aus dem Hamsterrad auszubrechen?
Mitarbeitenden, die es sich finanziell leisten können – und mir ist bewusst, dass das lange nicht für alle möglich ist –, empfehle ich Teilzeitarbeit. Viele Studien zeigen, dass Teilzeitmitarbeitende weniger Fluktuation und weniger Fehlzeiten aufweisen. Sie haben bessere Ideen, sind inspirierter, motivierter und arbeiten effizienter. Es ist ausserdem ein Fakt, dass Menschen gesünder leben und sich besser erholen können, wenn sie mehr Zeit für sich haben.

Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang Pausen?
Pausen sind sehr wichtig. Studien zeigen: Je länger wir auf Pausen verzichten, desto grösser wird die Fehlerhäufigkeit. Am besten ist es, wenn wir nach 45 Minuten eine kurze Pause von 3 bis 6 Minuten machen und nach 90 Minuten eine längere Pause von einer Viertelstunde.

Wie pausiere ich richtig? Was gilt es zu beachten?
Richtig pausieren heisst Abschalten. Keine Mails checken, Telefone nicht entgegennehmen, eine Art Tapetenwechsel vollziehen. Wichtig ist herauszufinden, was einem persönlich guttut und das, was man macht, bewusst zu machen. Wenn ich drei Dinge gleichzeitig mache oder während der Pause mit den Gedanken noch woanders bin, habe ich keinen grossen Erholungseffekt.

Das ist nicht einfach.
Nein, das ist es nicht. Aber es ist besser, bewusst und mit gutem Gewissen zu pausieren, als halbherzig Pause zu machen und dabei dauernd an die Arbeit zu denken. Kreisen die Gedanken in der Pause ständig um die Arbeit oder macht sich ein schlechtes Gewissen breit, weil man nicht an der Arbeit sitzt, dann bringt das gar nichts. Entweder oder. Sonst schadet man sich doppelt: Man verschwendet Zeit und erholt sich trotzdem nicht.

Was sagen Sie jemandem, der das Gefühl hat, keine Zeit für Pausen zu haben?
Jemand, der keine Zeit für Pausen hat, setzt die Prioritäten falsch. Ganz einfach. Das muss man wollen, da muss man sich disziplinieren. «Ich habe keine Zeit» ist eine Ausrede. Dann ist die Pause schlicht nicht wichtig genug.

Gelingt Ihnen das immer?
Natürlich nicht. Auch ich ertappe mich immer wieder dabei, die Prioritäten anders zu setzen. Aber wir müssen wegkommen von der Idee, dass wir unersetzlich sind und alles sofort erledigen müssen. Es werden viele staunend feststellen, dass die Welt nicht untergeht, wenn sie eine Pause machen. Man muss sich einfach auch selbst lieb sein.

Wie machen Sie persönlich Pause?
Bei kurzen Pausen mache ich ein paar Yogaübungen auf der Matte. Bei langen Pausen schlafe ich (lacht). Das ist mein Hobby, ein wahnsinnig günstiges. Ich schlafe auch mal während des Tages. Dann ist die Tür zu und niemand will etwas von mir. Ich kann auf diese Art und Weise abschalten und runterfahren. Es gibt aber auch Leute, die müssen raus. Andere sagen, ich brauche jetzt eine «Zigi», einen Kaffee oder ein Fussballspiel im TV. Es geht darum, auf sich selbst zu hören. Das zu machen, was einem persönlich beim Abschalten hilft. Das ist sehr individuell. Und dabei nicht vergessen: Im Lauf des Lebens kann sich das, was einem guttut, auch ändern.

Weitere Informationen

  • Der BFH ist es ein Anliegen, die Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden zu fördern. Im Intranet finden Sie eine Liste mit Informationen und Angeboten rund um das Thema Gesundheitsförderung: intranet.bfh.ch/gesundheitsfoerderung
  • Auch das Betriebliche Gesundheitsmanagement BGM am Departement Gesundheit stellt den Mitarbeitenden im Intranet verschiedene Informationen zur Verfügung.
  • In Form von Beratungsgesprächen oder Workshops bietet die Beratungsstelle der Berner Hochschulen Unterstützung, wenn es um Themen wie das eigene Wohlbefinden am Arbeitsplatz oder Stressbewältigung geht: beratungsstelle.bernerhochschulen.ch

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