Wären Sie bereit, Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken zu essen, um einen Beitrag für eine nachhaltige Ernährung zu leisten? Wie müsste ein Menü mit Speiseinsekten aussehen, damit Ihnen das Wasser im Mund zusammenläuft? Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein interdisziplinäres Forschungsteam des Departements Wirtschaft und der Hochschule für Land-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL). Im Gespräch erzählen die Forschenden, welche Chancen und Herausforderungen sich aus der departementsübergreifenden Zusammenarbeit ergeben.
Pausensnack mit Mehlwürmern
Deane Harder vom Departement Wirtschaft und Evelyn Markoni von der HAFL servieren Corina Lardelli vom Redaktionsteam Inside BFH einen Pausensnack mit Mehlwürmern. Bild: Marie Brechbühler Pešková

«Das persönliche Netzwerk, Offenheit und Begeisterungsfähigkeit sind der Schlüssel zum Erfolg eines interdisziplinären Forschungsprojekts», ist Deane Harder überzeugt. Er forscht und lehrt am Departement Wirtschaft zum Thema Innovation, Nachhaltigkeit und Konsumentenverhalten und leitet das departementsübergreifende Forschungsprojekt «BugBias». Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen des Departements Wirtschaft und der HAFL untersucht Harder, wie man Speiseinsekten in der Gesellschaft als Essgewohnheit etablieren könnte, um einen Beitrag für eine nachhaltigere Ernährung zu leisten. Das Projekt wird von der BFH mit dem Ziel gefördert, Synergien in der Zusammenarbeit der Departemente zu stärken.

«Dank unserer persönlicher Netzwerke an der BFH haben wir unter anderem Thomas Brunner von der HAFL kennengelernt. Er ist Dozent für Konsumwissenschaft und hat langjährige Erfahrung in der Forschung mit Speiseinsekten. Gemeinsam mit ihm haben wir die Projektidee «BugBias» entwickelt. «Die Teamzusammensetzung widerspiegelt unsere Einstellung zu Diversität und anderen Denkweisen und Wissenschaften», meint Harder. Sie stammen aus der Schweiz, Deutschland, Tschechien, Südafrika und Belgien und kommen aus den Bereichen Wirtschaft, Soziologie, Psychologie, Biologie und Data Sciences. «Wissenschaftliche Theorien und Methoden unterscheiden sich in unseren Disziplinen. Deshalb darf man keine Angst vor Reibungsverlust haben», erklärt Harder. Die Auseinandersetzung mit der inhaltlichen und methodischen Ausrichtung des Projekts sei intensiv gewesen – aber sehr bereichernd für das Team.

Interdisziplinäre Perspektiven auf eine nachhaltige Ernährung

Die Forschenden gehen im Projekt unter anderem der Frage nach, welches Gericht mit Speiseinsekten Leute gern essen würden und wie dieses Menu im Markt erfolgreich etabliert werden könnte. «Wir möchten einen sogenannten Signature-Dish entwickeln», erklärt Harder. Sushi beispielsweise sei ein Signature-Dish. Eine rohe Forelle aus dem See würden die Leute kaum essen – Sushi hingegen schon, weil das Menü sie anspricht. Um herauszufinden, wie ein Signature-Dish mit Speiseinsekten aussehen könnte, servieren die Forschenden ihren Probanden in Virtual Reality Gerichte mit unterschiedlich deutlich sichtbaren Insekten als Zutat.

Ein innovativer Signature-Dish reicht allerdings nicht, um bei den Leuten eine Verhaltensänderung hin zu einer nachhaltigen Ernährungsweise auszulösen. Die Soziologin Evelyn Markoni von der HAFL lässt deshalb auch Fragen zu den Lebenswelten der Konsumenten ins Projekt einfliessen. Sie untersucht, welche Vorstellung Konsumenten von nachhaltiger Ernährung haben und welche Rolle dabei Speiseinsekten spielen. Oder wie man in Gesellschaften einen Wertewandel voranbringen kann, damit die Ernährung nachhaltig wird. Die Ökonominnen und Ökonomen im Team beschäftigen sich ausserdem mit dem Thema Food Waste und der Einbettung von Speiseinsekten in eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Markoni und Harder sind überzeugt, dass diese vielfältigen Perspektiven im Projekt wichtig sind, um einen Beitrag zu einer Transformation hin zu einer nachhaltigen Entwicklung zu leisten.

Departementsübergreifende Zusammenarbeit in der Lehre

Pausensnack mit Mehlwürmern
Pausensnack mit Crackern, Weichkäse und Mehlwürmern. Bild: Corina Lardelli

Markoni und Harder sind beide im sogenannten «Mischprofil» angestellt – das heisst, sie forschen und lehren an der BFH. Die departementsübergreifende Zusammenarbeit im Projekt «BugBias» ermöglicht es ihnen, sich thematisch in der Lehre gegenseitig zu unterstützen. «Dies ist für die Studierenden beider Departemente ein Mehrwert», sind die beiden Forschenden überzeugt. Das Projekt eignet sich gut als Anwendungsbeispiel. Es ermöglicht sowohl den Einblick in die theoretischen Konzepte der nachhaltigen Entwicklung als auch in den praktischen Alltag der Studierenden. Diese haben in der Vorlesung die Möglichkeit, die Menüs mit Speiseinsekten selber zu probieren. Markoni schmunzelt: «Viele Studierende sind bereit, sich nachhaltig zu ernähren. Wenn es aber darum geht, Speiseinsekten zu essen, kostet sie das grosse Überwindung.» Das Experiment verdeutlicht, dass sich der Wille, nachhaltig zu leben, nicht einfach in Handlung umsetzen lässt.

Finanzierungsanschub der BFH für interdisziplinäre Forschungsprojekte

Das Projekt «BugBias» wird von der BFH mit dem «Call for Proposals» finanziert. Die BFH möchte mit diesem Call Synergien in der Zusammenarbeit der Departemente stärken und allenfalls Grundlagen für drittmittelfinanzierte Folgeprojekte schaffen. Markoni und Harder schätzen diesen Finanzierungsanschub der BFH. «Um ein Forschungsthema erfolgreich zu etablieren und Erkenntnisgewinne voranzutreiben, braucht es allerdings Zeit», bedenken sie. «Wenn Forschende an der BFH nur befristet angestellt werden, könnte es schwieriger werden, neue Forschungsthemen und Netzwerke zwischen den Departementen der BFH aufzubauen.»

Das Projektteam «BugBias» arbeitet derzeit auf Hochtouren daran, eine Folgefinanzierung für ihr Projekt zu finden. Um an grössere Drittmittelbeträge zu gelangen, müssen sie mit externen Forschungspartnern kooperieren. Hierfür ist das persönliche Netzwerk ausserhalb der BFH enorm wichtig. Markoni und Harder sind zuversichtlich, dass sie bald eine Finanzierung für ihr Projekt finden. Sie lachen verschmitzt, als plötzlich ihre Teamkollegin Marie Brechbühler Pešková, Dozentin am Departement Wirtschaft und ebenfalls im Projektteam «BugBias», mit einem schön hergerichteten Teller auftaucht und der Autorin des Artikels Cracker mit Weichkäse und Mehlwürmern serviert.

Potenzial von Speiseinsekten für eine nachhaltige Entwicklung

In der Schweiz werden seit Mai 2017 Speiseinsekten im Sortiment der Detailhändler und Restaurants angeboten. Insekten benötigen weniger Land und Wasser und produzieren weniger CO2 als die Viehzucht. Zudem wandeln sie das Futter viel effizienter in Gewicht um als beispielsweise Schweine oder Rinder. Die Vereinten Nationen empfehlen deshalb, Insekten als neuartige Proteinquellen für die Menschen zu etablieren. Damit die Insekten nachhaltig sind, muss die ganze Kreislaufwirtschaft der Ernährung betrachtet und Food Waste vermieden werden. Erst wenn Insekten mit anderweitig nicht verwertbaren Rohstoffen aus der Lebensmittelindustrie gefüttert werden, schneiden die Produkte besser ab als Sojaprotein – eine pflanzliche Alternative zu Fleisch.

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