Motivierte Studierende, sprachliche Hürden und «Learning by Doing»: Paul Ammann, Leiter des Forschungsbereichs International Management am Departement Technik und Informatik, erzählt von seinen Erfahrungen als Gastdozent in Shenzhen.
Paul Ammann mit fünf chinesischen Studierenden
Paul Ammann mit fünf chinesischen Studierenden. Bild: zvg

Die Shenzhen Technology University (SZTU) ist ein sich rasant entwickelnder Hochschulcampus im Süden Chinas. In einem modernen Schulzimmer sitzen 30 chinesische Studierende – sie alle haben vor Kurzem das Gaokao bestanden, die strenge, landesweit einheitliche Aufnahmeprüfung für Hochschulen. Statt Laptops auf dem Pult halten die Studierenden Smartphones in ihren Händen. Kommuniziert wird hauptsächlich via WeChat, einem Chat-Dienst mit zahlreichen Zusatzfunktionen.

Einer solchen Szenerie stand Paul Ammann, Leiter des Forschungsbereichs International Management am Departement Technik und Informatik, bereits zweimal gegenüber. Als Gastdozent verbrachte er zuletzt im Oktober 2019 zwei Wochen an der SZTU und unterrichtete die Studierenden in internationalem Marketing. Ganz nach schweizerischem Vorbild verlangte Paul Ammann von den Studierenden, dass sie sich aktiv einbringen, Ideen präsentieren und Fragen stellen.

Weg vom Frontalunterricht

Statement einer Studentin, übersetzt aus dem Chinesischen:

«From being unfamiliar with the terminology of market management, to being able to present before class and gradually communicate with the classroom, I developed a concept of the international markets. According to the model given by the professor, I analyzed the market environment, culture, competitors step by step. This is a very interesting and meaningful process. A lot of time for discussion and autonomy gave us a strong sense of participation and created a wonderful feeling of co-founding a company with our partners in the group and imagining the future. And this is not what ordinary classrooms can bring us. This international course has really benefited me a lot, thanks Professor Paul!» Chen Yuntong Class of 2018

«Die Studierenden in China sind sich gewohnt, zuzuhören und auswendig zu lernen», erklärt Paul Ammann. Die Universität von Shenzhen wolle aber, dass das in Zukunft anders werde.

Als Gastdozent forderte er die chinesischen Studierenden deshalb heraus. Um das Eis der Zurückhaltung zu brechen, nahm Ammann alle Fragen positiv auf und besprach sie eingehend. Für manche Studierenden sei die englische Sprache eine zusätzliche Hürde gewesen, sich im Unterricht einzubringen, erzählt der Dozent. In solchen Fällen liess er die Fragen auf Chinesisch stellen und ein Mitstudent übernahm die Übersetzung.

Klar ist: Nicht nur die chinesischen Studierenden waren im Unterricht von Paul Ammann gefordert, sondern auch er selbst. Den Stoff, den er in Shenzhen vermittelte, habe er zwar schon unzählige Male unterrichtet. Trotzdem sei es für ihn «wie neu anfangen» gewesen, denn er musste herausfinden, was im Unterricht funktioniert und was nicht. Hinzu kam, dass die chinesischen Studierenden direkt von der Schule kommend noch keine Arbeitserfahrung mitbrachten und damit auf einem anderen Wissens- und Erfahrungsniveau waren, als er das von Studierenden an der Berner Fachhochschule gewohnt war.

Eigene Ideen entwickeln

Ausgehend vom Modell «Frontalunterricht» hatten die Studierenden in Shenzhen manchmal auch das Gefühl, dass Paul Ammann wenig theoretische Inhalte vermittle. Der Dozent erklärte ihnen dann, dass es in seinem Unterricht um «Learning by Doing» gehe, also darum, Methoden an Fallstudien anzuwenden, eigene Ideen zu entwickeln und gemeinsam in der Diskussion zu lernen.

Neuer Schwerpunkt bei Studienreisen

Blick auf das Stadtzentrum von Shenzhen
Blick auf das Stadtzentrum von Shenzhen. Bild: zvg

China interessiert Paul Ammann schon lange. Er führt seit mehreren Jahren Studienreisen nach Shanghai durch und besucht dort gemeinsam mit Executive MBA Studierenden ausgewählte Unternehmen. Durch die Kontakte, die er während seiner Zeit in Shenzhen geknüpft hat, wird die Studienreise jetzt modifiziert. Statt wie bisher acht Tage Shanghai stehen in Zukunft vier Tage Shanghai und vier Tage Shenzhen auf dem Programm. Den Aufenthalt in Shenzhen bereitet Ammann gemeinsam mit der SZTU vor. Geplant seien etwa Besuche beim Autohersteller BYD Auto, dem Telecomanbieter Huawei oder bei Tencent, dem Entwickler des erwähnten WeChat.

Das «mächtige China» verstehen

Für Paul Ammann steht fest: «Mit der Möglichkeit eines Aufenthalts in Shenzhen bietet die BFH ihren Dozierenden die Chance für ein echtes Jobenrichment. Die Arbeit als Gastdozent an der SZTU habe ihm noch einmal einen ganz anderen Einblick in ein Land eröffnet, das er bereits mehrfach bereist hatte. Davon profitiere natürlich auch die BFH als Bildungsinstitution. Denn China werde immer wichtiger für den globalen Markt – und das habe sowohl positive als auch negative Auswirkungen. Das Wissen über das Land sei deshalb von grosser Bedeutung, und er gebe seine Erfahrungen seinen hiesigen Studierenden gern weiter. Diese seien es nämlich, die in Zukunft am Markt mit der chinesischen Konkurrenz umgehen müssten.

Facts&Figures

Shenzhen war vor 40 Jahren eine chinesische Kleinstadt mit rund 30 000 Einwohnern. Als die Gegend 1980 zur Sonderwirtschaftszone ernannt wurde, begann eine rasante Entwicklung. Heute leben Schätzungen zufolge 11 Millionen Personen in Shenzhen und einige der erfolgreichsten chinesischen Hightech-Unternehmen haben dort ihren Sitz. Shenzhen wird ausserdem als «Silicon Valley» Chinas bezeichnet und verfügt über eine sehr aktive Start-up-Szene.

Die Stadt Shenzhen und der Kanton Bern: Der Kanton Bern vereinbarte mit der Stadt Shenzhen 2015 ein sogenanntes «Sister Area Agreement». Ziel ist eine enge Zusammenarbeit in den Bereichen Standortpromotion und Wirtschaft.

Shenzhen Technology University (SZTU) und die BFH: Die BFH unterzeichnete 2016 einen Kooperationsvertrag mit der SZTU und half beim Aufbau dieser jungen chinesischen Hochschule nach schweizerischem und deutschem Fachhochschul-Vorbild. Die SZTU verfügt über die Abteilungen «Big Data and Internet», «Intelligent Manufacturing», «New Material and New Energies», «Creative Design», «Health Science and Environmental Engineering» und «Urban Transportation and Logistics». Ausserdem gibt es eine «Business School».

Seit 2018 werden Gastdozierende aus der BFH an die SZTU entsendet. Im vergangenen Sommer fand unter der Leitung von Prof. Dr. Lorenz Martin des Departements Technik und Informatik erstmals eine gemeinsame Swiss-Chinese Summer School zum Thema «New Energy Technologies: Production, Storage and Mobility» statt.

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