Prof. Dr. Ingrid Kissling setzt sich als Präsidentin der gleichnamigen Kommission für eine «nachhaltige Entwicklung» der Berner Fachhochschule ein. Im Interview spricht sie über anfallende Aufgaben, Herausforderungen und ihre persönliche Zukunftsvision.
Prof. Dr. Ingrid Kissling, Direktorin des Departements Wirtschaft und Leiterin der Kommission «Nachhaltige Entwicklung» an der Berner Fachhochschule
Prof. Dr. Ingrid Kissling, Direktorin des Departements Wirtschaft und Präsidentin der Kommission «Nachhaltige Entwicklung» an der Berner Fachhochschule. Bild: Christine Strub, ©christinestrub.ch

2015 haben die Mitgliedsstaaten der UNO die Agenda 2030 mit 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Das heisst, dass alle Staaten aufgefordert sind, die drängenden Herausforderungen der Welt wie extreme Armut, Umweltzerstörung oder Gesundheitskrisen bis 2030 zu lösen. Was kann bzw. muss eine Fachhochschule zu einer nachhaltigen Welt von morgen beitragen?
Die Agenda 2030 stellt ein inhaltliches Orientierungsraster dar und schafft damit eine internationale Zielgrundlage. Die zentrale Frage ist aber, wie wir diese Ziele erreichen können und darüber besteht zurzeit noch grosse Uneinigkeit. Zur Lösung dieser Frage braucht es das sogenannte Transformationswissen, zu dessen Erarbeitung und Verbreitung Fachhochschulen einen wichtigen Beitrag leisten können.

Was ist unter Transformationswissen zu verstehen?
Nehmen wir als Beispiel die globalen Klimaprogramme, die lange naturwissenschaftlich dominiert waren. Sie beinhalteten grosse Grundlagenberichte und zeigten Probleme auf. Die Berichte haben aber die Frage nicht beantwortet, wie man die Menschen dazu bewegen kann, sich anders zu verhalten. Seit ein paar Jahren sind diese Klimaprogramme nun auch stark auf die Wirtschaft und die Unternehmungen ausgerichtet und nicht mehr nur Sache der Naturwissenschaften. Im Zentrum steht dabei eben dieses Transformationswissen – also das Wissen darüber, wie das Verhalten der Menschen verändert werden kann, um die gesetzten Ziele zu erreichen.

Wo steht die BFH in Sachen Nachhaltigkeit heute?
Eine wirklich schwierige Frage. Wir verfügen bisher über kein Nachhaltigkeitskonzept und keine Zielgrössen, was ja auch bei der institutionellen Akkreditierung bemängelt wurde. Im Rahmen der Kommission «Nachhaltige Entwicklung» werden wir nun eine Bestandsaufnahme machen. Ich gehe davon aus, dass in den Departementen schon viel gemacht wird. Ich würde also sagen, wir sind unterwegs.

Stichwort «Aktionsplan Nachhaltige Entwicklung BFH 2018-2022». Wenn Sie an die Umsetzung der geplanten Massnahmen denken. Wo lauern Ihrer Meinung nach die grössten Herausforderungen?
In der Lehre haben wir uns hohe Ziele gesetzt. Dafür zu sorgen, dass in allen Bachelor- und Master-Studiengängen eine Verankerung der nachhaltigen Entwicklung vorhanden ist sowie das Erarbeiten interdepartementaler Inhalte und Angebote, gehören sicherlich zu den grössten Herausforderungen.

Die Umsetzung dieser und weiterer Massnahmen erfordern den Einbezug vieler Personen und Organisationseinheiten sowie die Rücksichtnahme auf bestehende Prozesse und Strukturen. Diese sind nicht zuletzt durch die departementale Organisation, die räumliche Situation der BFH mit ihren 26 Standorten und die Diversität in Lehre und Forschung bedingt. Die übergeordnete Schwierigkeit ist auch darin zu sehen, die geplanten Massnahmen mit begrenzten Ressourcen gut umzusetzen.

Eine zentrale Aufgabe von Hochschulen ist es ja auch, Studierende zu befähigen, ihren Beitrag zu einer nachhaltigeren Gesellschaft von morgen beizusteuern. Was kann die geplante Unterstützungsplattform «BFH SUSTAINS» der BFH in dieser Hinsicht leisten?
Wir wollen den Studierenden nicht nur Wissen vermitteln, sondern sie dazu bringen, sich eigenständig mit Studieninhalten auseinanderzusetzen und nachhaltige Projekte aufzugleisen. Sie sollten sich der Problematik bewusstwerden und überlegen, welchen Beitrag sie selbst in Zukunft leisten können. Der Plattform BFH SUSTAINS kommt diesbezüglich eine wichtige Rolle zu. Sie regt an, unterstützt und macht sichtbar.

Die betrieblichen Massnahmen beinhalten zu einem grossen Teil die Erstellung von Reportings. Was wird im Betrieb konkret verändert? Werden wir in Sitzungen Ende 2019 immer noch aus Einweg-Plastikbechern trinken?
Damit wir uns klare Ziele, beispielsweise im Bereich Ressourcenverbrauch setzen können, müssen wir erst wissen, wo wir stehen. Dafür ist das Nachhaltigkeitsreporting da – eine von insgesamt 19 Massnahmen des Aktionsplans. Eine weitere Massnahme ist etwa die Erarbeitung eines umfassenden Mobilitätskonzepts.

Unabhängig vom Aktionsplan, dessen Massnahmen ja eher grundsätzlicher Natur sind und die ganze BFH betreffen, geschieht heute schon viel Arbeit in den Departementen. So haben beispielsweise die Departemente Wirtschaft und HAFL die Plastikbecher in der Mensa und an ihren Wasserstationen bereits abgeschafft.

Was ist Ihre persönliche Vision bezüglich Nachhaltigkeit? Wo steht die BFH 2030?
Unser Ziel muss es sein, Antworten auf die drängenden Fragen der Gesellschaft zu liefen. Unsere Absolventinnen und Absolventen sollen künftig umfassend auf grosse Probleme reagieren können, wie sie etwa in den Zielen der Agenda 2030 formuliert sind.

Wichtig sind Überlegungen zur Kreislaufwirtschaft, die innovativ eingesetzt und wenn immer möglich unternehmerisch realisiert werden sollte. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir mehr in nachhaltiges und soziales Unternehmertum investieren und auf Sharing, also auf das Teilen statt Besitzen setzen sollten. Ein Konzept, das durch die digitale Revolution ganz neue Möglichkeiten erfahren hat.

Was den Aktionsplan der Kommission «Nachhaltige Entwicklung» betrifft, bin ich optimistisch, dass wir viel erreichen werden. Überzeugt bin ich ausserdem davon, dass wir mit der Gestaltung der neuen Campus in Biel und Bern in Sachen «Nachhaltigkeit» einen grossen Schritt nach vorne machen werden.

Vielen Dank!

BFH-SUSTAINS

BFH SUSTAINS ist eine sich zurzeit im Aufbau befindende Unterstützungsplattform, welche studentische Aktivitäten im Bereich der nachhaltigen Entwicklung fördert. Die Grundstruktur dieser Plattform, deren Aufbau durch das Förderprogramm U Change des Netzwerks für Transdisziplinäre Forschung mit CHF 70’000.- unterstützt wird, bilden drei Aktionslinien:

  • Die Vergabe von Nachhaltigkeitszertifikaten, welche im Studium erworbenes Wissen im Bereich Nachhaltigkeit ausweist.
  • Die Förderung studentischer Eigeninitiative durch die BFH und externe Partner.
  • Das Anbieten von Supportleistungen zur Unterstützung von Studierendenprojekten, insbesondere im Bereich des nachhaltigen Unternehmertums.

Termine

Wenn Sie sich für das Thema Nachhaltige Entwicklung interessieren, sollten Sie sich folgende Termine in der Agenda eintragen:

01.11.2019: Nachhaltigkeitstag der drei Berner Hochschulen zum Thema «Transformation – ideenreich querdenken»: www.nachhaltigkeitstag-bern.ch
04.-08.03.2019: Sustainability Week Switzerland. Hier ist die BFH erstmals mit einer Gruppe von engagierten Studierenden vertreten. www.sustainabilityweek.ch

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