Pesche Eigenmann, Leiter des International Relations Office (IRO), über die «Internationalisierung» an der BFH, globale Kompetenzen und was Mitarbeitende tun können, um sich auf diesem Gebiet weiterzuentwickeln.
Pesche Eigenmann im äthiopischen Restaurant eines Freundes. Er schätzt den interkulturellen Austausch auch privat.
Pesche Eigenmann im äthiopischen Restaurant eines Freundes. Er schätzt den interkulturellen Austausch auch privat. Bild: Corina Lardelli

Global Days 2020

Am 9. März 2020 finden die dritten Global Days der BFH statt. Melden Sie sich heute noch an und diskutieren Sie mit zum Thema «Mehrsprachigkeit als Chance».

Pesche Eigenmann, Leiter des International Relations Office:
«Ich selbst war früher grottenschlecht in Sprachen, habe zum Beispiel in der Schule nie Englisch gelernt. Ich fand Sprachen aber immer wichtig und habe mich stets bemüht, mit den unterschiedlichsten Menschen zu reden. Heute bin ich überzeugt, dass Sprachen nicht perfekt gesprochen werden müssen. Es geht hauptsächlich darum, aufmerksam zuhören und sich einfach und präzise ausdrücken zu können.»

Worum geht es eigentlich, wenn wir von «Internationalisierung» sprechen?
Mit der «Internationalisierung» wird angestrebt, alle Strukturen und Prozesse der Hochschule so zu entwickeln, dass sie dem europäisch und global vernetzten Hochschulumfeld gerecht werden. Mir persönlich gefällt der Begriff nicht. Er legt den Fokus zu stark auf die «Nation» als Handlungseinheit. Gerade in der Wissenschaft sind aber übernationale Netzwerke wichtig. In vielen Bereichen ist die Vernetzung ausserdem bereits global. Ich spreche deshalb lieber von der Zusammenarbeit im europäischen und im aussereuropäischen Hochschulraum.

Wo an der BFH finden wir überall Internationalität?
Gegenfrage: Wo finden wir sie nicht? Forschung und Fachdialoge ohne den übernationalen Fokus sind für mich nicht denkbar. Mehr denn je müssen Hochschulabsolventen beim Eintritt in den Arbeitsmarkt mit einem global vernetzten Umfeld umgehen können. Die Studierenden kompetent darauf vorzubereiten, ist eine Kernaufgabe der BFH. Kurz: Egal, welchen Bereich der BFH ich mir vorstelle, ich komme zum gleichen Schluss: Ohne übernationale Vernetzung geht es nicht.

Begrenzungsinitiative, bilaterale Verträge: Wie schätzt das IRO die aktuelle politische Diskussion ein und was bedeutet das für die BFH?
Die Wissensgemeinschaft muss meiner Meinung nach grenzenlos, frei und solidarisch arbeiten können. Nur so ist gewährleistet, dass wir die bestmöglichen Antworten auf heutige Herausforderungen finden.

Isolationistische Strömungen in Europa erschweren die internationale Zusammenarbeit für die BFH. Die Hauptherausforderung wird deshalb auch in Zukunft sein, den Nutzen der europäischen und globalen Vernetzung verständlich zu kommunizieren. Wir müssen versuchen, das, was wir tun, auch für Menschen verständlich darzustellen, welche dem Hochschulumfeld nicht so nahestehen.

Was ist die Aufgabe des IRO?
Als Fachstelle bietet das IRO Unterstützung für alle Einheiten, welche die internationale Entwicklung mittragen und voranbringen wollen. Daneben versuchen wir, den Fachdialog zur globalen Kompetenz mitzuprägen.

Wie tun Sie das?
Beispielsweise wurde in verschiedenen Analysen untersucht, welchen Stellenwert globale Kompetenz am Arbeitsmarkt der Zukunft hat. Das Resultat: Sie gehört zu den wichtigsten Kompetenzen überhaupt. Im Rahmen einer eigenen Arbeitgebendenbefragung im Gesundheitssektor sind wir am IRO zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen.

Was ist mit globaler Kompetenz genau gemeint?
Globale Kompetenz basiert auf Neugier, Offenheit und der Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. Es geht um die Fähigkeit, in interkulturell herausfordernden Situationen adäquat und effektiv handeln zu können.

Was können Mitarbeitende sonst noch tun, um in einem zunehmend internationalen Umfeld bestehen zu können?
Ich fände es super, wenn Mitarbeitende im Jahresgespräch mit ihren Vorgesetzten ein Ziel im Bereich Internationalität vereinbaren würden. Konkret gibt es die Möglichkeit eines Staff-Austauschs. Man könnte auch die Global Days besuchen, die wir im März durchführen. Weiter gibt es viele Fremdsprachenangebote an der BFH. Ich selbst habe mit einem BFH-Französischkurs begonnen und lerne mithilfe eines Online-Tools ein paar Worte Chinesisch. Sprachen sind ohne Zweifel eine wichtige Voraussetzung, sich international in der Wissensgemeinschaft betätigen zu können. Um globale Kompetenzen weiterzuentwickeln, arbeiten wir im IRO zudem daran, ein auf einem international validierten Assessment basiertes Beratungsangebot aufzubauen.

Aktuelle Klimadebatte: Wie ist eine internationale Ausrichtung mit ökologischer Nachhaltigkeit unter einen Hut zu bringen?
Es ist meiner Meinung nach extrem wichtig, dass die Schweiz ihren Beitrag zur Lösung von globalen Problemen leistet. Bildung ist dabei eine der nachhaltigsten Ressourcen. Bildungsmobilität muss deshalb im Gesamtkontext angeschaut und der Impact von Mobilität muss immer mitgedacht werden. Für mich steht fest: Die Diskussion rund um die Reduktion von CO2 darf auf keinen Fall auf Kosten eines Bildungsziels gehen. Ich bin sogar der Meinung, dass noch mehr unserer Studierenden stimuliert werden müssen, aus ihrer Komfortzone herauszugehen. Dass man die Mobilität dabei technologisch so gestaltet, dass sie nachhaltig ist, ist keine Frage.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wie wird sich das Thema «Internationalisierung» weiterentwickeln?
Ich hoffe, dass es «Internationalisierung» als Entwicklungsprojekt an der BFH in 20 Jahren nicht mehr geben wird. Dass die europäische und globale Vernetzung so normal und selbstverständlich ist, dass kein Mensch mehr darüber reden muss. Dass es kein Ressort mehr braucht, um den Herausforderungen der Globalisierung zu begegnen, sondern nur noch eine Anlaufstelle, die beratenden und organisatorischen Support leistet.

Eine persönliche Einschätzung: Wie sollte Internationalität an der Berner Fachhochschule idealerweise gelebt werden?
Bunt und vielfältig. Das heisst, dass Andersartigkeit als Potenzial erkannt und als Ressource erwünscht ist, damit wir der superdiversen Gesellschaft, in der wir heute leben, noch besser gerecht werden. «Internationalisation at home» ist so ein Schwerpunkt, bei dem nicht nur angeschaut wird, wie vernetzt wir sind, sondern auch, wie wir das Leben und Arbeiten in unserer Institution gestalten.

Warum ist Ihnen persönlich «Internationalität» so wichtig?
Ich versuche, dieser immensen Kraft, die aus der Vielfalt von Menschen, Denkweisen und Werten im Zusammenleben entsteht, Raum zu geben. Damit wir uns die eigenen Wertvorstellungen und kulturellen Gewohnheiten bewusst machen können, müssen wir hin und wieder unsere Komfortzone verlassen und die Perspektive von anderen einnehmen. Wenn das geschieht und die Andersartigkeit nicht mehr als Bedrohung, sondern als etwas Lustvolles erlebt wird, dann ist auch das Potenzial für Leistung und Innovation viel grösser.

Welche Erfahrungen haben Ihre Einstellung diesbezüglich besonders geprägt?
Ich hatte das Glück, mit neugierigen, empathischen Eltern aufzuwachsen. Meine Mutter, 90 Jahre alt, hat mich erst vor Kurzem wieder überrascht: Sie hat mir erzählt, dass sie sich mit einem syrischen Flüchtling anfreundete, der irgendwo im Dorf ein Stück Land erhielt, um Gemüse anzupflanzen. Meine Mutter kaufte ihm sein Gemüse ab. Er konnte kaum Deutsch, lud sie aber zum Tee ein. Seither beliefert der Syrer meine Mutter jeden Tag gratis mit frischem Gemüse. Diese Offenheit, sich auf fremde Menschen einzulassen, haben mir meine Eltern mitgegeben.

Später hatte ich das Glück, immer wieder aus meinem Schweizer Wohlstandskuchen herausgerissen zu werden. Ich merkte, wie privilegiert wir hier sind und dass es nichts Lehrreicheres gibt als die vertiefte Auseinandersetzung mit anderen Kulturen.

Und (schmunzelt) eines möchte ich noch festhalten: Ich beginne jeden Morgen mit einem Kaffee …

Was meinen Sie damit?
Kaffee wächst nicht in der Schweiz. Und das ist sinnbildlich dafür, dass wir uns oft nicht bewusst sind, dass vieles, was wir haben und tun, einfach nur durch die weltweite Zusammenarbeit funktioniert.

Dieser Beitrag gefällt mir

13+

1 Kommentar

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Please enter your comment!
Ich habe die Kommentar-Regeln gelesen und bin damit einverstanden.
Please enter your name here