Grüne Wiesen, gemütliche Bauernhäuser und ein Ausblick weit über das Aaretal hinaus. In dieser beneidenswert schönen Umgebung steht ein Bienenhaus – der Ort der Ruhe von Anna Ryser.
Anna Ryser

«Ich habe mich schon immer nach echten Geheimnissen gesehnt und beim Imkern gibt es so viele», erklärt sie. Eine Bienenkönigin entstehe beispielsweise nur, wenn ein weibliches Ei speziell gefüttert werde. Doch wie kommunizieren die Bienen untereinander, damit das gelingt? Fragen wie diese interessieren die Wissenschaftlerin Anna Ryser. Und sie will gern «zu etwas fürsorglich sein, ohne dass es von ihr abhängig ist».

Doch es geht auch um Ruhe und Entspannung im Bienenhaus. «Wenn ich hier ankomme, denke ich an nichts anderes. Der Geruch und alles, dann bin ich einfach da», schwärmt sie. Beim Imkern gehe es für sie darum, etwas zu tun, was sie erfülle. Der Honig sei zwar wunderbar, aber eigentlich nicht so wichtig. «Ich will einfach zu den Bienen schauen und für ihr Überleben sorgen», sagt sie klar.

Die Angst aushalten

Wenn die Bienen gefüttert und die Varroamilben bekämpft werden müssen, kommt sie alle drei Tage vorbei. Varroamilben, der Schrecken aller Imker und Imkerinnen, befallen Bienenvölker, saugen die Arbeiterbienen aus und können so ganze Völker vernichten.

«Bei den Bienen muss ich mein Bestes geben, habe aber nicht die Kontrolle.»
«Bei den Bienen muss ich mein Bestes geben, habe aber nicht die Kontrolle.» Bild: Carmen Iseli

Anfang September endet die Saison und die Bienen bereiten sich auf die Winterruhe vor. Im Winter soll man die Bienen nicht stören. «Dann macht man sich Gedanken, fragt sich, wie es ihnen geht.» Diese Angst wolle man bezwingen, indem man etwas tue. Aber das dürfe man nicht. Sonst könne es passieren, dass ein ganzes Volk zugrunde gehe. «Bei den Bienen muss ich mein Bestes geben, aber ab einem gewissen Punkt habe ich keine Kontrolle mehr und muss auf die Natur vertrauen. Das gefällt mir.» Trotzdem geht sie auch im Winter regelmässig zum Bienenhaus, prüft, ob genug Luft zu den Bienen gelangt.

«Ich hätte immer gern studiert»

Anders im Beruf, wo Anna Ryser als Dozentin für Psychologie, Interaktion und Kommunikation sowie als Leiterin Zulassung die Kontrolle hat. Ihr Team führt die Eignungsprüfungen am Departement Soziale Arbeit durch. Geprüft wird, ob die Bewerberinnen und Bewerber die Persönlichkeit und die notwendigen Eigenschaften für das Berufsfeld mitbringen. Psychische Stabilität, Offenheit, Gewissenhaftigkeit, abstrakt formales Denkvermögen und eine Struktur im Lebenslauf zum Beispiel.

Auch ihr eigener Lebenslauf ist spannend. Auf dem Land aufgewachsen, wollte Anna Ryser lange Bäuerin werden. Lehrpersonen ermunterten sie jedoch, weiter zur Schule zu gehen. So wurde sie selbst Lehrerin, unterrichtete eine Klasse der Unterstufe. Alles lief gut. Doch sie sah auch Kinder, die vernachlässigt waren. Kinder, denen sie gerne mehr mitgeben wollte als den Schulstoff.

Das Bienenhaus von Anna Ryser liegt in ländlicher Umgebung.
Das Bienenhaus von Anna Ryser liegt in wunderschöner ländlicher Umgebung. Bild: Carmen Iseli

Also begann sie die Ausbildung an der Schule für Soziale Arbeit und lernte eine völlig neue Welt kennen. «Mein Interesse und meine Neugier waren geweckt. Ich wusste, hier zieht es mich hin», sagt sie. Damit seien nicht alle in ihrem Umfeld glücklich gewesen. Sie habe gelernt, mit Widerständen umzugehen. Nach dem Abschluss arbeitete sie mit Flüchtlingen, in einer psychiatrischen Klinik und einer Kirchgemeinde. Wieder lief alles gut. Wieder wollte sie mehr.

«Ich hätte immer gern studiert», erzählt sie. «Aber das war lange ein zu weiter Weg von da, wo ich herkomme». Mit 33 Jahren war die Zeit dann reif. Sie studierte Psychologie, arbeitete nebenbei und machte mit 40 Jahren den Abschluss. Doch sie wollte mehr, studierte und forschte weiter, schrieb schliesslich ihre Dissertation. 2003 kam sie als Dozentin zur BFH. «Hier kann ich machen, was ich gern mache. Ich kann sein, wie ich bin. Das ist für mich ein Geschenk, für das ich sehr dankbar bin.»

Einfach ausprobieren

«Am besten entwickelt man sich, wenn man sich immer wieder in neue Situationen begibt», Anna Ryser spricht aus ihrem Fachgebiet der Entwicklungspsychologie. Sie selbst ist das beste Beispiel. An Informationsveranstaltungen auftreten, an der Hochschule unterrichten – auch, oder gerade weil sie Zweifel hat. «Ich habe gern ein bisschen Angst. Das reizt mich irgendwie. Die eigenen Zweifel überwinden, einfach ausprobieren und dann immer schauen, was ich besser machen kann.»

Und was tut jemand, der im Beruf angekommen ist, wenn mal wieder alles rund, zu rund, läuft? Zum Beispiel bei der Musikschule einmarschieren und fragen: «Können bei euch auch ältere Damen singen lernen?» Eineinhalb Jahre später macht ihr der Gesangsunterricht immer noch Spass. Warum? Sie lacht und sagt: «Sonst kann ich so viel selbst bestimmen. Aber beim Gesangsunterricht geniesse ich es, zu tun, was man mir sagt.»

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