Im September 2020 lancierte die BFH die neue Strategie «Lehren und Lernen im digitalen Zeitalter». Welchen Chancen und Herausforderungen die Lehre in diesen Zeiten begegnet und wohin die Reise für die BFH noch gehen könnte: Dazu äussern sich Rektor Sebastian Wörwag und Vizerektorin Lehre Wiebke Twisselmann im Interview.
Wiebke Twisselmann und Sebastian Wörwag
Wiebke Twisselmann und Sebastian Wörwag unterhalten sich zum Thema «Lehre im digitalen Zeitalter». Bild: Corina Lardelli

Die Lehre, das heisst die Art und Weise, wie gelehrt wird, verändert sich zurzeit stark. Provokativ gefragt: Hat die Coronakrise an der BFH die Lehre im digitalen Zeitalter erst so richtig ins Rollen gebracht?
Wiebke Twisselmann: Ich würde ganz selbstbewusst sagen, dass durch die Coronakrise sichtbar geworden ist, wie gut wir in dieser Hinsicht bereits unterwegs sind. Natürlich wurden einige Vorgänge und Angebote in den letzten Monaten beschleunigt genutzt und nachgefragt, und es gibt über die ganze BFH betrachtet Dozent*innen, die einen grösseren Sprung machen mussten als andere. Insgesamt ist es aber eine Chance zu zeigen, was wir schon alles können und eine Motipulation (Motipulation = Kunstwort, das sich aus den Begriffen Motivation und Manipulation zusammensetzt, Anmerkung der Redaktion), diese Kenntnisse auch umzusetzen.

Sebastian Wörwag: Genau. Corona hat sicherlich eine Beschleunigung der Digitalisierung in der Lehre beziehungsweise des Einsatzes von digitalen Instrumenten im Lehr- und Lerngeschehen mit sich gebracht. Dabei ist festzuhalten, dass mit der Digitalisierung zuerst nur die technischen Möglichkeiten gemeint sind. Eine gute Lehre im digitalen Zeitalter beinhaltet aber noch viel mehr Aspekte. So darf der Reflexions- und Interaktionsprozess des gemeinsamen Lernens nicht verloren gehen.

Inwiefern?
Sebastian Wörwag: Was wir anstreben, ist eine Kombination der digitalen und der analogen Welt. Damit ist gemeint, die neuen digitalen Hilfsmittel in Ergänzung zur direkten Interaktion zu nutzen. Das bringt zum Beispiel eine Veränderung bei der Flexibilisierung und teilweise auch bei der Individualisierung von Lernprozessen. Die «eindirektionale Vorlesung» hat ausgedient. Physische Präsenz soll der Anwendung von Erlerntem und dem Austausch von Haltungen, Erfahrungen und Positionen dienen.

Wiebke Twisselmann: Richtig. Die Grundsätze der guten Didaktik bleiben im digitalen Zeitalter weitestgehend die gleichen. Optimal aus jetziger Sicht ist aber, wenn man von vorneherein Blended Learning plant. Das heisst, bestimmte Teile, bei denen es um soziale Interaktion und Praxisorientierung geht, werden als Präsenzveranstaltung organisiert. Andere als Aufgabe, die allein oder in Gruppen mithilfe einer Online-Anleitung gelöst werden kann. Student*innen können so freier über den eigenen Zeithaushalt entscheiden. Sie müssen nicht um 8.00 Uhr morgens irgendwo sitzen, sondern können abends lernen. Das kommt zum Beispiel allen entgegen, die berufstätig sind oder Familie haben.

Was verändert sich im Alltag der Student*innen und Dozent*innen noch?
Sebastian Wörwag: Die Rolle der Student*innen ändert sich sicherlich dahingehend, dass mit orts- und zeitunabhängigen, individualisierten Lernformen noch mehr Eigenverantwortung beim Erarbeiten und Strukturieren von Wissen erforderlich ist. Auf dieser Basis gewinnen die Student*innen im Präsenzlerngeschehen aber eben auch Zeit, um das erworbene Wissen zu reflektieren und sich in der Gruppe auszutauschen.

Wiebke Twisselmann: Die Dozent*innen werden mehr zu Coachs. Sie sind nicht mehr einfach Wissensträger*innen, sondern gehen individueller auf Personen ein, um dort den passenden Input zu geben, wo es ihn braucht. Dadurch entsteht eine Heterogenität, die neue Formen der Lehre erfordert. Dozent*innen werden zunehmend Situationen ermöglichen, in denen gemeinsam neues Wissen geschaffen wird. Wissen, das sie selbst noch nicht haben und das erst in Diskussionen und gemeinsamer Praxis fassbar wird.

Das sind grosse Veränderungen. Was erwarten Sie konkret von den Dozent*innen?
Sebastian Wörwag: Die Offenheit, Bestehendes zu hinterfragen und Neues zu lernen. Also die Bereitschaft, eigene Lernprozesse in Gang zu setzen und sich im Netzwerk gut auszutauschen. Es geht nicht mehr nur darum, Wissen zu vermitteln. Es geht vielmehr darum, Lernprozesse zu moderieren.

Wiebke Twisselmann: Genau. Dozent*innen müssen die Zeit haben, reflektiert mit den Veränderungen umzugehen. Wenn Studienverläufe individualisierter sind, ist es zielführend, wenn sich die daran beteiligten Dozent*innen untereinander austauschen. So werden sie den ganzen Studiengang beziehungsweise das ganze Angebot noch stärker als eine gemeinsame Kreation betrachten.

Richten wir den Blick zum Schluss noch in die fernere Zukunft: Wohin möchten Sie die Lehre an der BFH führen?
Wiebke Twisselmann: Mir ist ganz wichtig, dass wir auch im digitalen Zeitalter eine Präsenzhochschule bleiben. Der Wert unserer Präsenzangebote soll so hoch sein, dass die Student*innen sagen: Da lohnt es sich hinzugehen. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir die Kombination aus digitaler und analoger Lehre genial hinkriegen. Denn klar ist: Die wichtigen Future Skills wie Kommunikation, kreatives und kritisches Denken oder Kooperation lernt man auch künftig vor Ort sowie im Austausch mit den Mitstudent*innen. Was die Digital Skills anbelangt müssen wir neue Lerntechnologien zur Verfügung stellen, Schulungen anbieten und so weiter. Da stellt sich für mich vor allem die Frage, wieviel Ressourcen wir investieren können.

Sebastian Wörwag: Bildung ist mehr als Ausbildung, mehr als viel über vieles zu wissen. Bildung bedeutet, sich selbst Kompetenzen und Haltungen erschliessen zu können. Student*innen sollen ihr Studium als Teil eines übergeordneten Lern- und Entwicklungsprozesses begreifen. Sie sollen in der Lage sein, das Lernen zu lernen. Früher wurde Bildung oft als etwas Abgeschlossenes angesehen. Heute ist es wichtig, eine geistige Agilität zu entwickeln, mit dem eigenen Denken und Wissen immer in Bewegung zu bleiben. Das beginnt mit der Fähigkeit zu hinterfragen, was man weiss und nichts als gegeben hinzunehmen.

Wiebke Twisselmann: Richtig. Wir wissen heute, dass gesellschaftliche Herausforderungen nur gemeinsam und interdisziplinär gelöst werden können. Und in diese Richtung wollen wir gehen. Wir wollen nicht nur Fachleute ausbilden, sondern mündige, engagierte Bürger*innen, die den gesellschaftlichen Wandel engagiert mitgestalten. Ein Wandel, der durch die Digitalisierung beschleunigt ist, aber im Rahmen dessen wir als Gesellschaft auch viele andere Herausforderungen meistern müssen.

 

Hinweis: Das Bild dieses Beitrags wurde vor der Einführung der allgemeinen Maskenpflicht aufgenommen.

Strategie «Lehren und Lernen im digitalen Zeitalter»

In Zusammenarbeit mit einem überdepartementalen Gremium erarbeitete das Vizerektorat Lehre die neue Strategie «Lehren und Lernen im digitalen Zeitalter». Diese Strategie ist seit dem 1. September 2020 in Kraft. Sie knüpft an der vorherigen E-Learning-Strategie an, fokussiert die Handlungsfelder «Vielfalt», «Future Skills» und «Vernetzung» und will die Lehre an der BFH gezielt stärken und weiterentwickeln.

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