Campus Bern, 15. November 2038, 23.54 Uhr. Masterstudierende der Berner Fachhochschule bereiten eine Videokonferenz vor, um mit ihren Kolleginnen und Kollegen in Tokio und New York das weitere Vorgehen im gemeinsamen Projekt abzustimmen. Im Hauptrechner des Campus gehen Online-Prüfungen ein, die für den erfolgreichen Abschluss eines Moduls notwendig sind. Ein Forschungsteam nutzt die in der Nacht zusätzlich verfügbare Rechenkapazität für eine komplexe Berechnung und kann so am Morgen die Resultate prüfen und weiterverarbeiten. So oder so ähnlich – oder eben auch ganz anders könnte es an der BFH in 20 Jahren zugehen.
Blick in die Zukunft

Neues Jahresziel zur Digitalisierung

Der Schulrat hat ein neues Jahresziel zur Digitalisierung definiert: «Die BFH nutzt, fördert, diskutiert und reflektiert die Digitalisierung in Lehre und Forschung sowie im Betrieb. Sie ist Akteurin im gesellschaftlichen Transformationsprozess.»

Die Digitalisierung verändert die Welt. Und sie tut es schnell. Oder wie das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI im Bericht «Herausforderungen der Digitalisierung für Bildung und Forschung in der Schweiz» vom Juli 2017 festhält: «Die Digitalisierung verändert Wirtschaft und Arbeitswelt rasant und hat einen wesentlichen Einfluss auf den Strukturwandel und das Wirtschaftswachstum.»

Im Gespräch mit dem Leiter des BFH-Zentrums Digital Society, Prof. Dr. Reinhard Riedl, sind wir der Frage nachgegangen, welchen Beitrag die BFH als Hochschule in diesem Strukturwandel leistet und welche Veränderungen Forschung und Lehre erleben werden.

Beitrag der Hochschulen zum Wandel

Das SBFI identifiziert im Bericht die Bereiche Bildung sowie Forschung und Entwicklung/Innovation als zentrale Erfolgsfaktoren, um den Wandel erfolgreich zu bewältigen. Die Aufgabe der Hochschulen ist es gemäss Reinhard Riedl, das dafür erforderliche Wissen zu erarbeiten und in Lehre, Weiterbildung und Beratung zu vermitteln. «Wir können durch die Digitalisierung nicht nur Arbeitsvorgänge einfacher machen, sondern wirklich eine neue Art der Arbeit, der Organisation und der Wertgenerierung schaffen», betont Reinhard Riedl. In der praxisorientierten Forschung gehe es um die Frage, wie die Digitalisierung konkret nutzbar gemacht werden kann. Reinhard Riedl spricht hier von transversaler Digitalisierungsforschung. Transversal heisst, dass Wissen bereichsübergreifend generiert und eingesetzt wird. Beispielsweise verwendet die intelligente und verantwortungsvolle Nutzung von Daten in ganz unterschiedlichen Bereichen ähnliche Algorithmen und Designprinzipien – egal, ob es um die Steuerung von Robotern in der Altenpflege, die Gestaltung von Stadträumen oder die Optimierung von Industrieanlagen geht. Und schliesslich gehe es um die Beratung und Begleitung von Unternehmen, damit die Schweiz im Digitalisierungswettlauf bestehen kann. Dafür ist das Erkennen der Chancen und Möglichkeiten notwendig. «Die richtige Haltung ist zentral», unterstreicht Reinhard Riedl und sagt weiter: «Wir müssen bei den Studierenden die Neugier wecken. Sie sollen nicht nur Kochrezepte kennenlernen, sondern sich Arbeitsmethoden aneignen, die sie befähigen, den technischen Fortschritt kreativ und verantwortungsbewusst zu nutzen.» Das Vermitteln von Neugier und der Leidenschaft für permanentes Lernen als Geisteshaltung sei deshalb eine ganz zentrale Aufgabe der Hochschulen.

Neue Wege in der Forschung

Um die digitale Transformation zu bewältigen, wendet sich die Forschung neuen Themen zu. So gehe es beispielsweise um die Frage, wie Künstliche Intelligenz in ganz normalen, technologienäheren oder –ferneren KMUs eingesetzt werden kann. Doch nicht nur die Forschungsthemen, sondern auch die Forschung selbst verändert sich. Der Treiber ist hier vor allem der Zeitfaktor. Wie kommen Forschungsresultate schneller zustande? «Teamarbeit ist wichtig», sagt Reinhard Riedl und diese Teams «müssen richtig zusammengestellt werden.» Es gelte Experten zusammenzubringen, die bereits einige Jahre Vorlauf auf dem Thema haben und so in einem Team von Topleuten zu einem schnellen Durchbruch kommen. Dabei gelte es, etablierte Normen auch einmal bewusst zu vergessen und einfach zu sagen «stell dich dem Problem und tu alles, damit du diesem adäquat gerecht wirst» sagt Reinhard Riedl. Das heisse, Methoden situativ zu entwickeln und auszuwählen.

Neue Wege in der Ausbildung

In der Lehre schlägt Reinhard Riedl vor, auf kleine Experimente zu setzen. «Man nimmt ein Modul und verändert dieses radikal. Zum Beispiel indem man eine App bereitstellt, mit der die Studierenden das Gelernte anwenden können», erklärt Riedl. So könne vielleicht ein zentral wichtiges Fach, das jeder hasst, zu einem Fach werden, dass vielen Spass macht. «So habe ich plötzlich Begeisterung geschaffen, ein riesiger Mehrwert für die Studierenden und die Gesellschaft», sagt Reinhard Riedl. «Oder man schafft als Experiment einen neuen, einzelnen Studiengang für einen kleinen Kreis von 25 Studierenden und setzt dort auf neue Formen der Vermittlung», so Reinhard Riedl. Das gehe viel schneller und kann dann über alle Studiengänge querwirken. «Ich glaube überschaubare, spezifische Massnahmen sind der richtige Weg.»

Das Gleiche gilt aus seiner Sicht auch für die Inhalte, die laufend überarbeitet werden müssen. Dabei geht es insbesondere um die alten Fächer wie zum Beispiel Mathematik. Oftmals eher unbeliebt bei den Studierenden, aber im Zusammenhang mit der Digitalisierung absolut zentral. «Was sich verändern wird ist, welche Art von Mathematik vermittelt wird und wie sie vermittelt wird. Wir werden zu einer Kombination kommen von einerseits dem Verstehen eines Zusammenhangs ohne ihn selber rechnen zu können und andererseits dem effektiven Rechnenkönnen mit digitalen Werkzeugen.»

Dozierende werden zum Coach

Stellt sich die Frage, wie die Studierenden in Zukunft unterwegs sein werden. «Das Unterrichten im Klassenraum, dieses konventionelle Unterrichten wird weitgehend verschwinden» sagt Reinhard Riedl und «es wird vielleicht sogar einzelne Studierende geben, die ohne jemals einen Fuss auf den Campus zu setzen, ihren Abschluss machen. Das werden aber Ausnahmen bleiben.» Dozierende würden die Rolle eines Coachs übernehmen, der die Spielregeln fürs Studieren, für eine Klasse oder ein Modul festlegt und beim individuellen Lernen unterstützt.

Vorlesungen online zu verfolgen ermöglicht es den Studierenden, an jeder beliebigen Hochschule zu studieren und im Verlauf ihres Lebens an ganz verschiedenen Hochschulen Module zu besuchen. Und obwohl die Studierenden dann teilweise online lernen, ihre Videos anschauen, Übungen auf Apps machen und ihre Prüfungen online ausfüllen, wird das gemeinsame Lernen nicht ersetzt werden können. Davon ist Reinhard Riedl überzeugt. Und deshalb brauche es einen Campus, der 24 Stunden, 7 Tage die Woche offen ist und den Studierenden die Arbeitswerkzeuge biete, die sie auch in der Praxis nutzen werden – Videokonferenzen für internationale Zusammenarbeit zum Beispiel.

Mit Neugier vorwärtsgehen

Sicher ist, die Digitalisierung und der damit einhergehende Strukturwandel sind im Gang. Offen ist, was sich in welcher Form und in welchem Zeitraum verändern wird. Die Digitalisierung ist für uns alle eine Chance. Ergreifen wir sie.

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