Rébecca Baumann ist Dozentin am Institut New Work der Berner Fachhochschule und arbeitet wie die meisten von uns zurzeit im Homeoffice. Wo die Chancen dieser Form von Arbeit liegen und wie wir mit der einen oder anderen Herausforderung umgehen können, erklärt sie im Interview.
Symbolbild Homeoffice

Lassen Sie uns bewusst das Positive herausstreichen: Wo liegen die Chancen und Vorteile am Homeoffice?
Homeoffice bietet sehr viele Chancen und Vorteile: Der Mensch ist flexibler beim Einteilen seiner Arbeit, kann vielleicht zuhause auch noch etwas anderes erledigen. Er kann konzentrierter arbeiten, wird im Normalfall weniger gestört. Auch die Strassen und der Öffentliche Verkehr werden weniger belastet. Studien zeigen ausserdem, dass Mitarbeitende, die im Homeoffice arbeiten, weniger Fehlzeiten aufweisen. Sie sparen die Pendlerkosten, die Kosten für Pausen und Mittagessen, müssen keinem Dresscode folgen und können die Arbeitszeiten nach dem eigenen Biorhythmus regeln. Gleichzeitig können auch die Arbeitgebenden sparen, nämlich bei den Bürokosten.

Sind Mitarbeitende im Homeoffice sogar effizienter?
Eine Studie der Stanford-Universität zeigt tatsächlich, dass Mitarbeitende im Homeoffice um 13.5 Prozent effizienter arbeiten. Vor allem, weil sie in ihrer Arbeit weniger gestört werden. Arbeitet man an einer komplexen Tätigkeit und wird gestört, dauert es rund 12 bis 15 Minuten, bis man kognitiv wieder dort ist, wo man vor der Unterbrechung war. Im Homeoffice können Störungen oft besser kanalisiert werden. Wir können zum Beispiel die Mails oder das Telefon abschalten. Oder wir können sagen, dass wir nur während einer bestimmten Zeit Mails und Anrufe beantworten.

Im Moment machen ein paar Teams die Erfahrung, dass auch der Austausch effizienter wird, wenn alle im Homeoffice sitzen.
Das ist so, vor allem weil man den Austausch zurzeit besser plant. Wir holen nicht auf dem Weg zur Sitzung noch eine Tasse Kaffee, sondern organisieren uns vorher und konzentrieren den Austausch anschliessend auf das Wesentlichste. Ich bin aber sicher: Würden wir während unserer Arbeit im Homeoffice permanent per Microsoft-Teams aufgezeichnet, würden sich auch wieder ähnliche Mechanismen einschleichen, wie wir sie aus dem Büroalltag kennen.

Welche Herausforderungen lauern bei der Arbeit im Homeoffice?
Eine grosse Herausforderung ist sicher die Disziplin. Ich denke zum Beispiel an die Disziplin, Pausen einzuhalten und sich abzugrenzen. Die Wissenschaft zeigt, dass es am besten ist, wenn man nach 45 Minuten Arbeit eine Pause von 3 bis 6 Minuten einlegt. Nach zweimal 45 Minuten sollte dann eine längere Pause von einer Viertelstunde folgen. Mitarbeitende, die damit im Homeoffice Probleme haben, können sich zum Beispiel eine Küchenuhr stellen. Oder einfach einen Wecker, den sie nicht vom Pult aus wegdrücken können. Ebenfalls wichtig ist es, dass wir am Abend zum Beispiel die Türe zum Arbeitsort schliessen oder die Arbeitsecke räumen, das Handy abschalten und nicht mehr ins Mail schauen. Die Gefahr beim Homeoffice ist nämlich oft, dass man zu viel arbeitet.

Was können wir tun, wenn wir allein im Homeoffice mit einem «Stimmungstaucher» zu kämpfen haben?
Es ist ganz wichtig, dass man sich in solchen Momenten Hilfe holt. Dass man zum Beispiel mit Kolleginnen und Kollegen in den Austausch geht und Ängste benennt. Dass man vielleicht eine gute Freundin oder einen guten Freund anruft und einfach einmal sagt, wie doof alles ist. Helfen kann auch stimmungsaufhellende Musik. Vielleicht tanze ich dazu oder mache ein paar Fitnessübungen. Studien zeigen, dass körperliche Aktivität einen positiven Effekt auf die Stimmung hat. Was ebenfalls oft hilft, ist frische Luft. Vor geöffnetem Fenster ein wenig zu turnen, wirkt prompt. Wenn sich der Mensch aufs Turnen und die Musik konzentriert, hat er keine Zeit, an seine Sorgen zu denken.

Die Möglichkeiten von Homeoffice hat man – so scheint es zumindest – bisher eher zögerlich genutzt. Jetzt ging es plötzlich schnell. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?
Zurzeit sind wir gezwungen, mit den Mitteln, die wir haben, das Beste aus der Situation zu machen. Für das Homeoffice ist das definitiv eine Chance. Ganz viele Leute, die sonst nicht Homeoffice gemacht hätten oder Vorgesetzte, die ihren Mitarbeitenden das nötige Vertrauen nicht geschenkt hätten, springen jetzt forciert über ihren Schatten. Und viele stellen erstaunt fest: Das funktioniert ja – und sogar noch richtig gut.

Hat die Coronakrise also auch etwas Gutes?
Wenn ich jetzt wirklich alle negativen Konsequenzen von Corona ausblende, dann sehe ich tatsächlich auch positive Folgen. So geht die aktuelle Situation für manche auch mit einer gewissen Entschleunigung einher. Einige Mitarbeitende merken, ich kann auch einmal ein Telefon klingeln lassen oder ein Mail nicht sofort beantworten, ohne dass die Welt untergeht. Wir können also im Homeoffice lernen, uns besser abzugrenzen und das dann auch in den Alltag mitnehmen. Die Situation zeigt schlicht und einfach auf, was auch noch möglich wäre. Wie nachhaltig das ist, kann ich allerdings nicht sagen.

Stichwort «sozialer Austausch»: Was macht so ein Dauer-Homeoffice mit einem Team?
Wenn wir nur noch Homeoffice machen, besteht die Gefahr, dass das Wir-Gefühl eines Teams verloren geht. Besser ist definitiv, wenn man als Team zum Beispiel einen Tag pro Woche physisch im Büro zusammenarbeitet. In der aktuellen Situation, in der das nicht möglich ist, hilft der regelmässige Austausch. Herausfordernd finde ich immer, wenn man am Grübeln ist und einen Input bräuchte, damit man weiterkommt. In solchen Situationen empfehle ich, jemandem vom Team eine kurze Nachricht zu schicken und zu fragen, ob er/sie kurz Zeit hätte. Möglichkeiten, Fragen zu adressieren oder Probleme zu besprechen, sind sehr wichtig. Es geht dabei immer auch darum, zu merken, dass man mit seinen Sorgen nicht allein ist.

Niemand weiss, wie lange die aktuelle Homeoffice-Situation noch anhält. Wie gehen wir am besten mit dieser Unsicherheit um?
Wichtig ist, dass man sich immer wieder vor Augen führt, dass das ein endliches Szenario ist. Das wird so, wie es kam, auch wieder vorbeigehen. Und das im Wissen, dass der Mensch in extremen Situationen auch zu Extremem fähig ist. Im positiven Sinn. Wir sind resilient. Wir gewöhnen uns sehr schnell an Dinge.

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