«Ewiges Einerlei», so umschreiben verschiedene Synonymwörterbücher das Wort «Alltag». Dass der Arbeitsalltag an der BFH jedoch weit mehr ist als ein «ewiges Einerlei» und in Wirklichkeit unzählige Geschichten bereithält, die zum Schmunzeln oder Nachdenken anregen, davon erzählt diese Kolumne. In dieser Ausgabe: Lilian Beidler, Assistentin Sound Arts an der Hochschule der Künste Bern zum Thema: Ein Tag bei Sound Arts – die Sicht eines Lautsprechers.
Lautsprecher bei Sound Arts

Ein Tag an der Papiermühlestrasse 13d bei Sound Arts – ein Text von Lilian Beidler

Die erste Person, der ich morgens jeweils begegne, ist eine kleinere Frau Mitte vierzig. Um 6.15 Uhr wischt sie den Parkettboden im Multifunktionsraum, fährt mit einem feuchten Tuch über die schwarzen Holztische und poliert die glänzende Oberfläche des Flügels. Einmal pro Woche streift sie auch mich und meine Kollegen mit einem Staubwedel. Ich mag das, es kitzelt so schön, wenn die einzelnen Borsten meine Membran berühren. Danach ist es wieder ruhig und ich döse nochmals ein. Kurz nach 9 Uhr kommt erneut eine Person durch die Tür. Meist ist es ein Mann, doch seit ein paar Jahren immer öfters auch eine Frau. Sie rückt die Tische in einen Halbkreis, packt ihren Rechner aus und betätigt den Schalter unterhalb des Mischpults. Ein Blitz von Leben durchzuckt mich: Strom! Nun bin ich richtig wach! Meine sieben Kollegen, die wie ich in regelmässigem Abstand auf zwei Meter Höhe in einem Rund im Raum hängen, strahlen mich an: Jetzt geht’s los!

Die Dozentin schliesst das Audio-Interface an ihren Rechner an und drückt die Leertaste. Wieder einmal Stockhausen! Leider können nur zwei von uns mitmachen, weil das Stück in Stereo abgespielt wird. Während ich den linken Kanal von Studie 2 wiedergebe, passt die Dozentin das Abspielvolumen an. Nach und nach treten die Studierenden ein. Im Verlauf der folgenden Unterrichtsstunde werden zum Glück auch die quadrophonische Version von Studie 2 sowie andere mehrkanalige Stücke elektronischer Musik gespielt, bei denen wir alle im Einsatz sind und sogar unser fetter Kollege unter der Leinwand, der Subwoofer, mitspielt.

Über Mittag wird es wieder ruhiger. Nur ein Student sitzt in unserer Mitte und schickt ab und zu ein paar Sinustöne durch den Raum. Langweilig … ich präferiere komplexere Obertonspektren, das bringt meine Membran so richtig in Schwung!

Gegen 13.30 Uhr füllt sich das Zimmer erneut, diesmal sind auch Studierende mit klassischen Musikinstrumenten dabei: eine Bassklarinette, zwei Violinen und eine Tuba. Im Fach «Instrument+» geht es um Live-Elektronik. Analoge Instrumente werden mikrofoniert und zusammen mit elektronischen Klängen gespielt. Mir wird ganz warm vor Aufregung, denn seit ein paar Wochen habe ich ein Auge auf eines der Mikrofone geworfen: Ich stehe auf ein SM58. Früher wäre es undenkbar gewesen, solch eine interkulturelle Beziehung einzugehen, aber zum Glück werden in der heutigen Zeit sowohl Mikrofone wie auch Lautsprecher als Instrumente angesehen. Das Feedback, das zwischen uns entstehen kann, gilt nicht immer nur als Störgeräusch, sondern wurde als eigenständiges Tonmaterial aufgewertet. Zwischen unseren Einsätzen diskutieren die Studierenden viel. Austausch, Analyse und Rückmeldungen in der Gruppe sind ein wichtiger Teil des Unterrichts. Ich halte mich zurück, schiele zu SM58. Könnte ich, würde ich erröten.

Danach finden bis am Abend Einzelunterrichtsstunden statt. Dozierende sprechen einzeln mit Studierenden über individuelle Arbeiten. Sie spielen Fragmente von Klängen ab und experimentieren mit subtilen Änderungen im Timbre. Ich muss mich konzentrieren, um alle Frequenzen möglichst genau abzubilden.

Oft scheint bis spät nachts ein warmes, schwaches Licht aus der Regie des Tonstudios durch die Verbindungsscheibe zwischen uns. Eine der Mitarbeitenden arbeitet dort konzentriert am Mix einer Aufnahme. Jemand hat vergessen, das Audionetz auszuschalten: Entspannt rausche ich vor mich hin und freue mich auf den morgigen Tag.

Die Kolumnistin

Lilian Beidler ist freischaffende Musikerin+. Sie hat einen Master in Contemporary Arts Practice der Hochschule der Künste Bern (2010) und einen MA Performance Making der Goldsmiths University London (2015). Sie tritt regelmässig international als Performerin, Musikerin und Gastlektorin auf und unterrichtet seit 2017 als Assistentin an der Hochschule der Künste, Sound Arts. www.loul.ch

Dieser Beitrag gefällt mir

8+

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Please enter your comment!
Ich habe die Kommentar-Regeln gelesen und bin damit einverstanden.
Please enter your name here